Theater

BOX + BAR: Der futurologische Kongreß

..Ich gehe in den Birkenwald, weil meine Pillen wirken bald…

INHALT: 

Raumfahrer Ijon Tichy nimmt an einem futurologischen Kongress in der Hauptstadt des Bananenstaates Costricana teil. Der Kongress findet im hundertsechsstöckigen Hilton-Hotel statt. Thema des Kongresses ist die wachsende Überbevölkerung.

Als Tichy einen Anfall von Güte und alles umfassender Zuneigung
erleidet, wird ihm klar, dass der Diktator des Landes das Trinkwasser
mit Benignatoren versetzt hat, chemischen Begütigungsmitteln, die einen Aufstand der unzufriedenen Bevölkerung des Landes gegen ihn verhindern sollen.

Als es trotzdem zum Aufstand kommt, setzen Polizei und Militär neben Benignatoren
auch ganz konventionelle Waffen ein, und das Hilton wird zunehmend in
Mitleidenschaft gezogen. Tichy, Professor Trottelreiner und andere
Hotelgäste statten sich mit Sauerstoffgeräten aus und fliehen in die Kanalisation unterhalb des Hilton.

Nachdem Tichy die Sauerstoffmaske abnimmt, hat er eine Reihe
grotesker Halluzinationen, wird schließlich, nach fast vollständiger
Zerstörung seines Körpers in einen Behälter mit flüssigem Stickstoff geworfen und wacht erst in ferner Zukunft wieder auf.

Er findet eine Welt vor, in der trotz der weiter gewachsenen
Bevölkerung Frieden und allgemeiner Wohlstand herrschen. Über das
Wetter wird abgestimmt, Tote können auf Wunsch wiederbelebt werden.
Möglich wurde dies alles durch die Psychemie, der irrationale Teil der menschlichen Psyche wird jetzt durch Psychemikalien
unter Kontrolle gehalten. Die Einnahme der jeweils passenden
Psychopharmaka ist ein selbstverständlicher Teil menschlicher
Umgangsformen.

In seinem Roman von 1971
nimmt Stanislaw Lem vorweg, was heute als der letzte Schrei der
Pharmazeutik gilt.

 

LOB AUF EIN KLEINES THEATER JUWEL 

Wenn man nach eineinhalb Stunden aufgekratzt und inspiriert das Theater verlässt und sofort in Erfahrung bringen möchte, wo und wann Martin Kloepfer wieder egal was inszeniert und wo und wann man Thomas Schmidt egal in welcher Rolle wieder auf der Bühne erleben darf, muss man wohl oder übel von einem mehr als gelungenen Abend sprechen:

Stanislaw Lem, Idol einer Generation, Lieblingsautor meiner Jugendzeit, dessen Geniestreiche immer mit einer gehörigen Portion Humor versetzt sind, legte den Schwerpunkt in einigen seiner Werke (sowohl in spannender Science Fiction als auch in seriösen wissenschaftlichen Texten) auf gesellschaftliche Untiefen der Zukunft – unserer Gegenwart, so auch im futurologischen Kongreß. 

Lems intelligenten Roman, gespickt mit aberwitzigen Details, absurden Wendungen und grotesken Szenen auf die Bühne zu bringen, erschien mir grundsätzlich als schwieriges Unterfangen für die Dramaturgie. Es müssen mindestens so um die zwanzig Seiten Monolog Text gewesen sein, die Martin Kloepfer mit müheloser, unverkrampfter Leichtigkeit darbringt, ohne, dass der typische Stil von Stanislaw Lem – die unerwarteten Wendungen, der scharfsinnige Humor, aber vor allem der nüchterne Sprachduktus des ausrangierten Wissenschaftlers Ijon Tichy verloren gehen. Dramaturgisch perfekt aufbereitet sitzen die spärlichen, aber sehr passend ausgewählten Musikeinsätze  (von uralten steirischen Schlagern bis zu elektronischen Stimmwänden) genau und das karge Bühnenbild wird von den Schauspielern in natürlichster Weise während dem Spiel umgebaut. Ebenso selbstverständlich werden die Rollen geswitcht und der Gegenwartsbezug des Stoffes ist klar und deutlich transponiert, ohne je in selbstgefällige political correctness zu verfallen.

Nur so konnte der alte Stoff stilgetreu lebendig gemacht werden. Thomas Schmidt füllt schon bevor das erste Wort gefallen ist die Figur des Ijon Tichy voll und ganz aus: Er ist Ijon Tichy. Genial auch Kornelius Heidebrechts musikalische Einlagen am Klavier, Sound Zuspielungen und Slapstick Einlagen als  Co-Darsteller, der sich durch überzeichnete Mimik und überspitzte Artikulation als kurioser Wechselbalg in verschiedenen Rollen in das Stück einbrennt.

Aber für eines bin ich wirklich dankbar: Die Bilder des Romans wurden mir gelassen dank der Kargheit der theatralen Mittel, sie wurden nicht durch vordergründige Bühnenklischees zerstört: „Alles Erlebte sind chemisch erzeugte Halluzinationen..“

 

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