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"Brecht" von Peter Laudenbach

"Brecht" von Peter Laudenbach
Welche Aggressionen Bertolt Brecht auch 60 Jahre nach seinem Tod noch auszulösen vermag, demonstriert Uwe Kolbe in seinem neuen Buch "Brecht" ?(S. Fischer Verlag, 176 S., 18,99 Ђ). Es ist der Versuch einer Abrechnung mit Brechts Rolle als DDR-Staatskünstler. Kolbe, bisher vor allem als Lyriker hervorgetreten, entwickelt die steile These, dank Brecht habe die DDR länger überlebt. Brecht habe den Typus des systemloyalen Kritikers, des marxismusgläubigen Dissidenten, des scheinoppositionellen Konformisten (oder des schein-nonkonformistischen Mitläufers) geprägt – eine Rolle, die unter Intellektuellen weithin imitiert wurde und so echte Opposition blockiert habe. Das ist etwas grobklotzig und unfair argumentiert, aber in Passagen nicht ohne Scharfsinn.
Wirr wird es, wenn Kolbe in Heiner Müllers "Wolokolamsker Chaussee" das "schlechte Gewissen des Hitlerjungen" am Werk sieht. Diese Unterstellung ist infam. Müllers Vater war als Sozialdemokrat im Konzentrationslager. Müller, Jahrgang 1929, beschreibt seine beschädigte Underdog-Kindheit als Sohn eines Systemgegners als die Erfahrung von Terror. Das auszublenden, um ihn als "Ex-Hitlerjungen" zu denunzieren und das für eine Erklärung seines Werkes zu halten, ist ein abenteuerlicher Umgang mit Texten und Fakten. Dazu passt, dass Kolbe phantasiert, Robert Wilson hätte 1982 das Bühnenbild und die Co-Regie von Müllers "Macbeth"-Inszenierung übernommen. Wilson war an dieser Inszenierung nicht beteiligt. So paart sich bei Kolbe Ressentiment mit Halbwissen.

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