Theater

THE BRIG – EIN NACHRUF ZUR EUROPA PREMIERE 2008


Akademie der Künste _“The Brig“ _Von Kenneth H. Brown _Neuinszenierung von Judith Malina _Mit Gary Brackett, Gene Ardor, Kesh Baggan, Brad Burgess, Andrew _Greer, John Kohan, Tommy McGinn u.a. _Europa Premiere
www.livingtheatre.org

Der Autor, Kenneth H. Brown, siedelt das Stück in einem Militärgefängnis der U.S. Marine Corps im Jahre 1957 an. Die Zuschauer verbringen hinter Stacheldraht, der die Bühne vom Publikum trennt, einen Tag vom Aus dem Bett heraus getrieben werden, bis zum ins Bett hinein getrieben werden mit den zehn Häftlingen und ihren vier Wärtern.

Living Theatre ist ein Mythos, steht als Synonym für Avantgarde und experimentelles, politisches Theater. Vielleicht war diese große Vorlage der Fluch, der über jener Walpurgisnacht lag, als THE BRIG nach vierundvierzig Jahren an demselben Ort wieder aufgeführt wurde, an dem es 1963 zu so viel Ehren gelangt ist. Der leidige Vietnam – Abu-Ghuraib Vergleich, der davor in der Presse gestreut wurde,  hinkte nicht, sondern lag auf einmal totgeschlagen auf der Bühne.


Als ich die Wohnung auf dem Weg zur AdK verließ, parkte vor meiner Haustür gerade der fünfzehnte Polizeiwagen. Die Polizeihunde kläfften aus ihren viel zu engen Zwingern  und provozierten damit die frei laufenden Köter der Friedrichshainer Punks. Von einem Stück ins andere, beide mit politischem Hintergrund.


THE BRIG war vielleicht einmal „Rebellion“, in der Neuauflage von Judith Malina, in der die Regisseurin nichts verändert hat, außer natürlich andere, junge Schauspieler zu besetzen, mutierte diese „Rebellion“ teilweise zu purem Pathostheater.
Das Publikum,-  maggots ohne Namen, mit Code der IP Adresse und gefakten My Space Identitäten, freute sich die ersten Minuten über Dokumentartheater, in dem es um die genaue Darstellung von Bewegungsabläufen gehen sollte, vom Boden Schrubben, bis zum Drill, des immer wieder geschrieenen „Sir, prisoner number one requests permission to cross the white line, Sir!“ und all den konkreten Brutalitäten dazwischen.


Wir beobachteten, wie durch monotone, sinnentleerte Rituale, Aggression geschürt wird, wie es gar nicht anders möglich ist, als dass Wärter zu Sadisten werden, wenn sie mit einer Menge Mensch, die alles tut, was ihr befohlen wird, spielen kann. Wir bemerkten, wie prisoner number five zusammenbrach, wie er in die Zwangsjacke gesteckt, abgeführt und gleich darauf durch einen Neuzugang ersetzt wurde.

In einer Zeit, wo der Wirklichkeitsbegriff derart ins Wanken geraten ist, ist gerade das Theaterbesuch, wo man Schweiß, Prusten und Trampeln der Schauspieler direkt vor sich sieht und spürt, ein Fest für die Sinne. So auch hier, doch die Inszenierung verzichtet auf exakte Darstellung um der Betroffenheit willen, führt damit den dokumentarischen Ansatz der Vorlage ad absurdum und erreicht genau das Gegenteil der ursprünglichen Intention: Pathostheater. Zu oft wrd an die Zeit erinnert, in der das Stück geschrieben wurde. 


Genauer recherchiert, mit exakter Darstellung gegenwärtig gängiger Gefängnismethoden und im Vertrauen darauf, dass die Wirklichkeit an sich das durchschnittliche Vorstellungsmaß und gängige Schmerzgrenzen bei weitem überschreitet, wäre THE BRIG noch immer nicht tot, sondern ein Stück über den Alltag im Gefängnis, wie es immer schon war und immer sein wird, solange es den Knast gibt, ob nun Jean Genet drin sitzt oder Nachbar Müller, oder man selbst, mit ein bisschen Pech. So aber ist das arme, gute Stück aufgrund gewissenhafter Vorarbeiten der immer zu wahrenden political correctness von Kunstbetrieb und Medien tot und ich war auf einem Begräbnis.  


Wer oder was in dieser Walpurgisnacht noch begraben wurde,- ein Teil mitfühlender Menschlichkeit, die nun abgelöst wurde durch bitteres Kopfschütteln oder ein Theaterstück, oder gar ein ganzer Mythos, weiß ich nicht genau.  
Trotz Geistern aus der Vergangenheit und dem Living Theatre skurriler Hundertschaften im grünen Kostüm, erwartete mich diesmal auch kein Hubschrauber über dem Platz, der normalerweise in solchen Nächten die Dächer mit einem Scheinwerfer ableuchtet auf der Suche nach destruktiven menschlichen Partikeln.
Dafür erschien er ein paar Tage später zum Treffen linker Gruppen über demselben Platz und das Polizeiaufgebot war in etwa gleich groß. Überdimensional groß. Eindämmungstaktik. Aber das ist eine andere Geschichte, das hat mit THE BRIG 2008 nichts mehr zu tun.

Der starke Ansatz von THE BRIG versteckte sich hinter den Schleiern einer verhexten  Nacht und schürte durch seine Abwesenheit nostalgische Gefühle.

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