Theater

„Brilliant Corners“ im Hau 1

emanuel_gat_osnat-karsenanskiIsraels Tanzszene gehört zu den lebendigsten überhaupt. Für die über hundert aktiven Choreografen, von denen die meisten in und um Tel Aviv arbeiten, wird das Land aber schnell zu klein, vor allem wenn sich internationaler Erfolg einstellt. Bei Emanuel Gat war das 2004 der Fall. Da wartete er mit einer Salsa-Choreografie zum „Sacre du Printemps“ und einer Kreation zu Schuberts „Winterreise“ auf. Schnell nutzte er die Chance, sich in Frankreich niederzulassen. Und der Erfolg hielt an. Immer wieder war er für die Leitung eines nationalen Tanzzentrums im Gespräch, doch bisher wurden ihm stets andere Kandidaten vorgezogen. Sollten seine Bewerbungen auch in Zukunft fruchtlos bleiben, lässt er halt weiter sein inzwischen beachtliches europäisches Netzwerk spielen. Sein neues Werk „Brilliant Corners“ wurde von der Biennale in Venedig, dem Stockholmer Dansens Hus, dem Londoner Festival Dance Umbrella und der Pariser Fondation BNP Paribas koproduziert. Der Tanz im August zeigt die deutsche Erstaufführung. In Gats Choreografien zum „Sacre“ und der „Winterreise“ war der Tod sehr präsent, heute bevorzugt der Choreograf rein formelle Recherchen.

In „Brilliant Corners“ wird auf der schwarzen Bühne ein Rechteck ausgeleuchtet. Immer wieder verlassen einige Tänzer dieses imaginäre Tanzstudio und schauen von außen zu, wie ihr multikultureller Querschnitt urbaner Jugend unterei­nander Beziehungen aufbaut und das entstandene Geflecht jedes Mal sofort wieder auflöst, um es durch ein neues zu ersetzen. Und immer wieder versammeln sie sich, um sich zu einem einzigen Körper zusammenzuschließen. Die zehn in Herkunft und Stil sehr unterschiedlichen Interpreten bilden einen organischen Verbund, der sich abwechselnd spannt, zusammenzieht, beschleunigt oder fast zum Stillstand kommt. Dass die Energie dennoch ständig in gleicher Intensität weiterfließt, ist das Ergebnis langer Recherchen. Ein Jahr lang traktierte Gat seine Interpreten mit Übungen wie folgender: Jeder der zehn Tänzer wählt heimlich einen Kollegen aus, zu dem er ständig die gleiche Distanz hält. Aus den individuellen Verschiebungen entstehen dann kollektive Strukturen. Wenn man mehrere solcher Regeln kombiniert, verdichten sie sich zu einem choreografischen Organismus, in dem jede Bewegung von unzähligen anderen abhängt. Von der Musik ist „Brilliant Corners“ dagegen nur im Titel abhängig, denn der bezieht sich auf das gleichnamige Album Thelonious Monks. Gat sagt, der Jazzpianist habe seine Art zu choreografieren stark beeinflusst. Zu hören ist Monk hier aber nicht. Die sehr abwechslungsreichen Klanglandschaften komponierte Gat selbst. In denen wandeln die Tänzer mit einem recht hohen Maß an Freiheit von Ecke zu Ecke, sodass die brillante Choreografie direkt vor unseren Augen zu jeder Aufführung neu und anders entsteht.

Text: Thomas Hahn

Foto: Osnat Karsenanski

Brilliant Corners HAU 1, Di 16., Mi 17.8., 19.30 Uhr

Übersicht: „Tanz im August 2011“  

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