Theater

Bruno Beltrгos Grupo de Rua kommt ins HAU Berlin

H3 von Bruno BeltraoAls Bruno Beltrгo vor sechs Jahren zum ersten Mal in Berlin gastierte, ging ihm der Ruf voraus, ein junges, vielversprechendes Talent zu sein. Beltrгo zeigte mit ein paar HipHoppern „From popping to pop and vice versa„, ein merkwürdiges Lehrstück, in dem die Tänzer die Moves zerlegten und verfremdeten. Im nächsten Jahr war Beltrгo schon wieder da, mit „Telesquat“, in dem der brasilianische Choreograf seine Lehr- und Verfremdungsarbeit fortsetzte. Wie es aussah, ging es ihm tatsächlich darum, den HipHop aus­einan­der­zunehmen und neu zu erfinden. So, wie William Forsythe es einst mit dem klassischen Ballett getan hat. Beltrгo ist seine Hip­Hop-Neudefinition grandios gelungen, vor allem mit seinen beiden letzten Stücken „H2“ und „H3„. Mit „H3“ kommen Beltrгo und seine Grupo de Rua jetzt noch einmal ins HAU 2 zu Gast. Weil die Compagnie gerade sowieso im Land ist (als Gast bei Pina Bauschs Internationalem Tanzfestival NRW) und weil „H3“ so gut ist, dass es gar nicht genug Menschen sehen können.

Es ist nicht so, dass Beltrгo das alles so geplant hätte. Als er 16 Jahre alt war, träumte er noch ganz unschuldig davon, einmal ein berühmter HipHopper zu werden. Einer, der seiner unweit von Rio de Janeiro gelegenen Heimatstadt Niteroi Ruhm und Ehre bringt. Gemeinsam mit seinem Kumpel Rodriguez gründete Beltrгo die Grupo de Rua de Niteroi und reiste von Battle zu Battle, von Championship zu Champion­ship. Er gewann oft, aber als er 19 war, mochte er nicht mehr. Er begann zu verstehen, dass er mehr von der HipHop-Technik als von der HipHop-Philosophie fasziniert war – und dass ihm diese Technik jenseits des geltenden Ehrenkodex von Concrete-Jungle-Mentalität und unaufhörlicher Überbietung ganz andere Möglichkeiten eröffnen könnte. Also begann er zu experimentieren und den Hip­Hop in andere Kontexte zu stellen.

H3 von Bruno BeltraoIm Jahr 2000, er war gerade 20 geworden, nahm Bruno Beltrгo ein Tanzstudium auf, im gleichen Jahr entstand mit „From popping to pop and vice versa“ seine erste eigene Arbeit. Die HipHop-Szene war entsetzt. Denn HipHop heißt zwar, dass man in Battles ständig versucht, besser zu sein als alle anderen und neue Moves erfindet, etwas macht, was noch kein anderer zuvor gemacht hat. Aber gleichzeitig muss man bei allem Erfindungsreichtum innerhalb des eigenen Vokabulars bleiben.
Bruno Beltrгo hat sich daran nicht gehalten, er gehört schon lange nicht mehr zur HipHop-Community und kann darüber nur freundlich lächeln. Er ist jetzt 28 Jahre, ein sanfter, freundlicher, warmherziger Mensch mit Jungensgesicht. Sein Tanzstudium, ebenso wie ein Philosophiestudium waren nur kurze Episoden. Heute geht Beltrгo, wenn er nicht gerade auf Tournee ist, in Niteroi so oft wie möglich ans Meer. Denn nirgendwo sonst, findet er, kann man so viel über Bewegung lernen, als wenn man dem Spiel der Wasseroberfläche zuschaut.
Am Anfang von „H3“ kommen die am Rand sitzenden Tänzer allein oder zu zweit auf die Bühne, zeigen eine kleine Nummer, ein kleines Duett. Aber dann, ganz plötzlich, ziehen sie sich zu einem Pulk zusammen, streuen sich rück­­wärts laufend in gleißend aufscheinendem Licht wie ein Vogelschwarm rasend schnell über die Bühne. Man sieht die neun Tänzer, wie sie sich anrempeln, aus dem Gleichgewicht bringen und in vollem Sprung ihre Brustkörbe gegeneinander krachen lassen. Man sieht sie sich wie Kreisel um die eigene Achse auf dem Boden drehen. Allein, zu zweit und in Neuner-Formationen, einmal quer über die gesamte Bühne. Unelegant, fast unbeholfen, wirkt das, aber je öfter die Tänzer die Bewegung wiederholen, je längere Strecken sie zurücklegen, desto eigenwilliger, fremder, soghafter wirkt es. „Strudel“ haben sie das in der Compagnie genannt.
Beltrгos Compagnie heißt immer noch Grupo de Rua, sie sind dem HipHop-Vokabular treu geblieben, aber mit Gewalt und harter, brasilianischer Straßenrealität hat der Choreograf nichts im Sinn. Ihn beschäftigen Fragen des Raums, der Wahrnehmung, des physischen Kontakts. Er ist nach wie vor fasziniert von den Menschen, die an all diese Codes und Regeln glauben, an die Championships und Magazines. Aber ihn selbst interessiert vor allem, was passiert, wenn man ein geschlossenes Wissen für etwas Fremdes öffnet. Wenn es zu einer Art chemischem Prozess kommt, bei dem man selbst nicht das Ergebnis kennt.

In „H3“ schmiegt sich in einer Szene der kleine Körper von Edu­ar­do Hermanson an den großen von Kristiano Gonçalves. Feine Wellenbewegungen durchwandern beide Körper, und wie elektrische Stöße scheinen sie von einem auf den anderen überzugehen. Man kann nicht mehr lokalisieren, wo die Bewegung entsteht, welche Richtung sie nimmt, sie scheint überall gleichzeitig stattzufinden. Immer wieder durchpulst das eine oder andere Aufbäumen, Sich-Querstellen, Sich-Davonreißen- Lassen das Stück. Eigentlich ist HipHop ein Tanz, der keine Interaktion mit anderen Körpern vorsieht. Auch wenn man in HipHop-Shows synchron und zeitlich versetzt miteinander tanzt, sich vielleicht sogar einmal gegenseitig durch die Luft wirft, in seinem Kern bleibt der Tanz solistisch. Mit „H3“ hat Beltrгo diese Sperre aufgesprengt. Es ist eine Expedition in unbekanntes Territorium, spröde, sperrig, großartig.

Text: Michaela Schlagenwerth

Fotos: Scumeck

H3

HAU 2
, Hallesches Ufer 32, Kreuzberg,
Fr 28. bis So 30.11., 20 Uhr

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