Theater

Calixto Bieito inszeniert den „Freischütz“

Calixto_Bieito_c_Monika_RittershausFür jemanden, der einen Ruf als Skandalregisseur zu verteidigen hat, ist der Spanier Calixto Bieito ausgesprochen höflich. Bieito, 48 Jahre, Jeans, Glatzkopf, eher klein und derzeit einer der spannendsten europäischen Regisseure, entschuldigt sich ausgiebig, weil er zehn Minuten zu spät in die Kantine der Komischen Oper kommt: „Sonst bin ich immer pünktlich, es tut mir leid, ich hoffe, Sie mussten nicht zu lange warten …“ Er kommt nicht von der Probe, er hat am Schreibtisch gearbeitet und dabei die Zeit vergessen. Bieito musste etwas für eine in diesem Sommer geplante Inszenierung in London schreiben, in der es um den Wald, um Shakespeare, um die Göttliche Komödie, also im Prinzip um alles geht.

Mit „The Forest“, dem Titel der Londoner Produktion, ist er auch gleich bei seiner Inszenierung an der Komischen Oper, die Ende Januar Premiere hat, denn der Wald und seine Abgründe sind für Bieito das Zentrum, das Herz der Finsternis in Carl Maria von Weberns Oper „Der Freischütz“. Eigentlich ist das schwere, deutsche Repertoire-Ware, Romantik des frühen 19. Jahrhunderts. Bieito will daraus eine Reise in die Unterwelt der Träume und Fantasien machen, aufgeladen mit Gewalt und Sexualität: „,Freischütz‘ is about the darkness, about terror and evil.“ Kein Wunder, dass der Besuch der Aufführung nur für Zuschauer „ab 16 Jahren“ empfohlen wird.

Für Bieito geht es im „Freischütz“ nicht einfach nur um die mysteriösen Gewehrkugeln, mit denen jeder Schuss gelingt, die Kugeln, die dem jungen Max in der Wolfsschlucht ein geheimnisvoller Geist übergibt, damit er mit gekonnten Schüssen Agathe zur Frau bekommt, es geht ihm „um dieses deutsche Thema der Dunkelheit in den Wäldern und in uns selbst“. Im Wald, da sind die Albträume. Wenn Max in die Wolfsschlucht steigt, steigt er gleichzeitig hinab in die dunkleren Regionen des eigenen Ich. „Als Kind habe ich mich im Wald verlaufen, ich war etwa sieben“, erzählt Bieito. „Es hat geregnet, es war ein wunderbarer Wald, es war Tag, aber ich hatte schreckliche Angst. Ich habe so lange gerufen, bis mein Vater mich gefunden hat. Der Wald galt als ein gefährlicher Ort, voller Tiere und Trolle. Liebespaare haben sich dort getroffen, um Liebe zu machen. Genauso ist der Wald in ,Freischütz‘. Es geht um das Jagen von Tieren und Menschen, um die Jagd danach, Agathe zu entjungfern.

Diese Oper ist voller Träume, 80 Jahre vor Freud. Es geht um die Dämonen in diesen kleinen Dörfern, in denen jeder den anderen beobachtet und sich jeder versteckt, in denen jeder Fantasien voller Gewalt und Sex hat.“
Auf die Frage, ob sich diese „Dämonen“ auf der Bühne visualisieren lassen, ohne dass das Ganze in schauerromantischen Mummenschanz, in eine Geisterbahn der wollüstig ausgekosteten Schrecken abgleitet, schaut er konzentriert, schweigt einen Augenblick, und dann kommt ein sehr entschiedenes „Yes“. Es klingt fast wie ein Grundsatzprogramm seines Theaters: Natürlich kann man den Schrecken zeigen, wofür wäre die Bühne sonst gut. „Wir haben Fantasien, vielleicht über Dinge, die wir im Leben niemals tun würden, aber auf der Bühne ist es okay“, findet Bieito. „Ein großer Sänger sagte zu mir: ,Mach, was immer du willst, das ist Oper, nicht die Wirklichkeit, hier ist alles möglich.‘“ Und dann wird er, immer noch in dieser schönen Mischung aus Ernst, Konzentration und einer hellwachen Freundlichkeit, mit der er einen einlädt, ein Gespräch lang an seinen Gedanken teilzuhaben, etwas kokett: „Mein Leben ist absolut langweilig, glauben Sie mir. Abenteuerlich wird es nur auf der Bühne. Das ist der Grund, weshalb ich es so sehr mag, auf der Probe zu sein. Am liebsten würde ich immer proben.“

Calixto_Bieito_c_Wolfgang_SilveriDavon, dass sich auf der Bühne die Wünsche und Schrecken so deutlich visualisieren lassen, lebte auch die Berliner Inszenierung, die Calixto Bieito vor acht Jahren berühmt-berüchtigt machte, eine düstere „Entführung aus dem Serail“, vielleicht die wichtigste Produktion der mit dieser Spielzeit zu Ende gehenden Intendanz von Andreas Homoki an der Komischen Oper. Bieito hat ernst genommen, dass Mozarts Oper in einem Harem, in einem  Bordell spielt und dass es dort nicht unbedingt so liebreizend zugeht wie, zumindest an der Klangoberfläche, in Mozarts Musik. Auch woher die hohen Töne der Sängerinnen kommen, ahnt man jetzt, seit Bieito vorgeführt hat, dass Mozart-Koloraturen hübsch zu einem simulierten Geschlechtsakt passen.

Das Erstaunliche und Bewundernswerte an dieser Inszenierung, die ihre Bilder immer aus einer genauen Lektüre des Stücks, aus Musik und Handlung entwickelte, war nicht nur die ungewohnte, aber schlagend einleuchtende Interpretation jenseits aller süßlichen Orientalismen. Mindestens so faszinierend war, wie die Sänger spielten, wie souverän, gleichzeitig konzentriert und gelöst sie nicht nur sangen, sondern ihre Figuren erzählten, keine bewusstlosen Wohlklangkünstler, sondern echte Mitautoren des Abends. Gefragt, wie er das schafft, tut Bieito so, als sei das alles doch eigentlich selbstverständlich: „Ich versuche, höflich zu sein, offen und großzügig. Ich versuche, klar in meinen Ideen zu sein, na ja, manchmal bin ich nicht so klar … Proben sind ein Raum der Freiheit, es ist ein Spiel, eine Komplizenschaft. Die Sänger sind keine Puppen, keine Marionetten des Regisseurs. Sie haben Körper und einen eigenen Kopf, nicht nur Stimmen, es ist der ganze Körper, der ganze Mensch, der singt.“

Dass er ernst nimmt, dass Menschen einen Körper haben, der durchaus seine Eigendynamik entwickeln kann, hat Bieito immer wieder mal Pornografie-Vorwürfe eingebracht, etwa als er an der Komischen Oper in Glucks „Armida“ 20 nackte Männer auftreten ließ. Die Nackten „übten sich – und zwar nicht nur im Liegestützenstemmen“, mokierte sich etwas aufgeregt der Kritiker der Zeitschrift „Cicero“, der das Ganze schlicht für eine „Peepshow“ hielt. Bieito bleibt cool, wenn man ihn fragt, ob ihn solche Attacken irritieren: „Porno? Das ist nicht wichtig für mich. Die amerikanische Porno-Industrie verdient sehr viel mehr Geld als ich. Pornografie ist langweilig. Niemand würde auf die Idee kommen, Caravaggio einen Porno-Maler zu nennen.“ Punkt.

Parolen interessieren ihn nicht. „Ich mache kein politisches Theater“, behauptet der Regisseur. „Ich erzähle Geschichten von Menschen, Geschichten von Liebe, Hass, Tod. Das interessiert mich viel mehr als Politik. Ich habe keine Ahnung von Politik, das ist nicht mein Spielfeld.“ Aber dann erzählt er doch eine Geschichte, in der sich seine Herkunft, die Faszination, die der Schrecken offenkundig auf ihn ausübt, und die reale Gewalt der Politik bündeln: „Ich versuche, keine Zeitung zu lesen, das ist zu deprimierend. Spanien zum Beispiel ist nicht nur in einer Wirtschaftskrise, Spanien ist in einer gesellschaftlichen Krise der Moral, der Kultur, der Erziehung. Nach der Franco-Diktatur haben wir den Schritt in die Moderne sehr schnell gemacht, ohne über die Verbrechen des Franco-Regimes, die Verbrechen im Bürgerkrieg zu sprechen. Ich komme aus einer kleinen Stadt in Nordspanien, Mirande de Ebro. Dort war das größte Konzentrationslager in Südeuropa, bis 1947. In dieser kleinen Stadt hat das jeder gewusst, aber nach dem Ende des Franco-Regimes hat niemand darüber gesprochen. Der ganze Terror, die Gewalt, über die nie gesprochen wurde, ist immer noch in den Menschen. Ich bin ziemlich pessimistisch und traurig, wenn ich an mein Land denke.“

Auf der Bühne faszinieren ihn das Böse, im Leben erschreckt es ihn: „Ich habe Angst davor. Die Fähigkeiten der Menschen, zu zerstören, sind enorm.“ Vielleicht ist das der Grund dafür, dass er auch im romantischen „Freischütz“ vor allem Abgründe entdeckt: „Es ist ein Stück über Kontrollverlust. Max wird zum Teil des Waldes, der Wald wächst in ihn hinein. Er wechselt von der Zivilisation zur Natur. Max wird zu einem Tier.“ Und genau das, verspricht er, will er in seiner Inszenierung zeigen.   

Text: Peter Laudenbach
Fotos: Monika Rittershaus, Wolfgang Silveri

Der Freischütz
in der Komischen Oper, So 29.1., 19 Uhr, Di 7., 21.,
Fr 24.2., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 47 99 74 00

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