Kommentar

„Chaostheorie und -praxis“ von Peter Laudenbach

Das neue Jahr kann nicht beginnen ohne eine neue Folge der bei Jung und Alt beliebten Unterhaltungsserie „Neues von Dercon“

Peter Laudenbach

Pünktlich zum Fest sorgten weltexklusive Interviews mit Chris Dercon und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock im „Tagesspiegel“ und in der „FAZ“ für eine schöne Bescherung. Sollte es die perfide Idee der Interviewer gewesen sein, die künftigen Herren und Damen der Volksbühne sich um Kopf und Kragen ­reden zu lassen, ging die Strategie glänzend auf. Die Frequenz der Phrasen pro Minute ist beeindruckend – es schwirrt nur so von „Chaostheorie“ bis zu „radical repertoire“ und einem Theater als „Schule des Befremdens“. Aber hoppla. Die künftigen Schauspieler des Hauses werden sich freuen über Dercons Versprechen, er werde „nicht nur Schauspieler, sondern auch Künstler an unser Haus binden“. So deutlich dürften Intendanten ihren Schauspielern selten gesagt haben, dass Schauspielerei keine große Kunst sei. Auch was sie über ihre Pläne verraten ist heiter: Viele Remakes und ein großes Mittanz-Projekt von Boris Charmatz im Hangar Tempelhof, sozusagen als Erlebnisangebot für Leute, denen Castorf intellektuell und im Aggressionslevel schon immer ein bisschen zu anstrengend war. Inzwischen muss man fast hoffen, dass Dercon nicht doch noch hinwirft: Es wird lustig werden, seine Turbophrasen mit dem Bühnengeschehen zu vergleichen, das er zustandebringen wird (oder auch nicht).

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