Theater

Chöre und ein Chorfest – die neue Lust am Singen

moritz_puschke_c_benjamin_pritzkuleitHerr Puschke, ich habe bei Chören leider immer dieses Bild im Kopf: aufgerissene Münder, penible Scheitel, gestärkte Hemden. Ist das noch zeitgemäß?  
Das ist zum Teil veraltet. Wir haben den tradierten Kirchenchor, den Männergesangverein, den gemischten Volkschor, wo wir jedoch seit 20, 25 Jahren einen stetigen Rückgang verzeichnen. Aber seit einigen Jahren wird die Anzahl der Chöre, die wegsterben, aufgefangen durch neue, vermehrt junge Ensembles. Diese neue Szene zeichnet sich durch eine erstaunliche Qualität aus, mit jungen Chorleitern frisch von der Uni, die mit ihrem Netzwerk etwas aufbauen.

Und die passen dann auch ins Radialsystem, wo Sie nun das zweite Vokalfest [email protected] mitverantworten?
Diese vielen neuen Chöre machen nicht mehr diese strengen deutschen Unterscheidungen nach E- und U-Musik, nach cool und tradiert. Sie singen mit großer Lust und Neugierde Monteverdi, Schütz oder Bach, aber auch zeitgenössischen Pop oder Jazz. Die gehen auch in Clubs. Also ist es gut, dass wir uns mit dem Radialsystem gefunden haben. Das ist genau der Ort des Offenen, des Dialogischen, des Kennenlernens und Berührens. Daher ist es logisch, dass eine aufbrechende Chorszene hier eine neue Heimstatt findet.

Erst Chorprobe, dann Berghain?
Es gab sogar schon einen Chor im Berghain. Der Rundfunkchor Berlin mit Simon Halsey hat vor drei Jahren dort ein Konzert mit Electronic und Dub gemacht. Das kenne ich von mir übrigens auch: erst Chor, dann Club. Oder zu Chorpartys nach Konzerten.

Was geht da denn so ab?
Es wird wahnsinnig viel getanzt,  gute Musik aufgelegt. Die Hochschulchöre hatten schon im Studium oft die besten Partys. Die coolste Musik, die coolsten Getränke, die lustigsten Leute.

Was Sie nicht sagen. Gibt es etwa auch Chor-Groupies?
Ja klar. Mitreisende, Fanclubs. Alles. Sex & Drugs & Rock’n’Roll gibt es auch im Chorbusiness. Chorleiter und Dirigenten sind durchaus stark begehrt.

Wie viele Chöre hat Berlin?
Wir wissen von 1?500 organisierten Chören: in Vereinen, Kirchen, an Hochschulen. Dann gibt es noch die freie Szene. Insgesamt macht das vielleicht 2?000 Chöre mit 60?000 Leuten.

Bei der „Nacht der Berliner Chöre“ treten auch die Happy Disharmonists auf, die mit Pop sehr erfolgreich sind. Soll die alte Chortradition über dieses Vehikel wiederbelebt werden?
Schwierige Frage. Jahrelang hat man eine Band gegründet, wenn man cool sein wollte.

Am besten eine Punkband …
Meistens übrigens nur mit Jungs, komischerweise. Dann hat man Sachen nachgespielt, aber auch welche geschrieben. In der Chorszene gab es das jahrelang nicht, eigene Kompositionen für Jazz- oder Pop-Ensembles. Da wurde höchstens „Yesterday“ gesungen.

Der belgische Scala-Chor sorgt aber seit Jahren mit Ärzte- oder U2-Adaptionen für Aufsehen.
Das Nachsingen ist es nicht, das diese neue Jazz- und Popszene beschreibt. Es gibt dafür viele Komponisten, vor allem in den USA. Ich habe gestern auf iTunes gesehen, dass man von solchen Combos wie Scala oder auch Vocal Line aus Dänemark jede Menge Alben zum Download findet – immer ein guter Gradmesser.

Was sagt der aus?
Die US-Vocalband Naturally 7 war letztes Jahr in den Bill­board-Charts auf Platz 20. Dass Chormusik in die Popcharts geht, mit eigenen Sachen, hatten wir vorher nicht. Auch in Berlin gibt es den Chorleiter Michael Betzner-Brandt mit den „Fabulous Fridays“, die ähnlich arbeiten.

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