• Kultur
  • Chris Dercons Millionen und die Volksbühne

Kultur

Chris Dercons Millionen und die Volksbühne

Chris Dercons Millionen und die Volksbühne

Dank einer Nachfrage im Abgeordnetenhaus wissen wir jetzt, wofür Chris Dercon allein zur Vorbereitung seiner Intendanz an der Volksbühne die sagenhafte Summe von 2,98 Millionen Euro braucht. Die Antwort des Regierenden Bürgermeisters und Kultursenators Müller auf den entsprechenden Berichtsauftrag des Parlaments hat es in sich.  
Allein das Gehalt und die Reisekosten von Dercon und seiner Programmdirektorin Marietta Piekenbrock lässt sich Berlin im nächsten Jahr 138.000 Euro kosten, im Jahr darauf sind es dann 212.000 Euro. Ganz billig ist der neue Mann offenbar nicht.
Die Kleinigkeit von einer halben Million Euro kostet die Idee des Kulturstaatsekretärs Renner, mit dem Theater irgendwas im Internet zu machen. Schön neblig umschreibt Müllers Papier das Projekt so: „Die neu zu entwickelnde digitale Bühne Terminal Plus ist ein Projekt von hohem Qualitätsanspruch und internationaler Strahlkraft.“ Aha. Dafür kann man ja mal 500.000 Euro ausgeben – die dann anderen Theatern fehlen.
Fast so wichtig wie das digitale Theater ist natürlich das Sponsoring: „Weitere Mehraufwendungen werden erforderlich im Bereich Sponsoring & Development sowie für deutlich vemehrte Arbeitstreffen des Artistic Board“, erfährt man aus Müllers Rechtfertigungs-Papier.
Weil Marketing in dieser Welt alles und der Inhalt im Zweifel nicht so wichtig ist, muss man sich nicht darüber wundern, dass das Marketing schon vor der ersten Premiere der Dercon-Volksbühne 100.000 Euro kostet – zum Beispiel für „Corporate Identity“ und die „Vorbereitung Programmpressekonferenz“. Es dürfte eine der teuersten Pressekonferenzen der Berliner Theatergeschichte werden.
Auch wenn der üppige Marketing-Etat schon steht – was da vermarktet werden soll, ist noch etwas unklar.  Aber das wichtigste haben Dercons Leute schon mal: Das Label. Aus der Volksbühne wird die neue „volksbühne berlin“, in trendbewusster Kleinschreibung. Der mit dem neuen Label implizierte Hinweis, dass man mit dem alten Kram von Künstlern wie Castorf, Neumann, Pollesch oder Fritsch und der Geschichte des Hauses von Piscator bis Schlingensief, nichts mehr zu tun haben will, ist immerhin ehrlich.
Ein dem tip vorliegendes Konzeptpapier der künftigen Leitung der Volksbühne verbreitet jede Menge heiße Luft. Wer befürchtet hatte, dass hier ein Theater abgeschafft wird, bekommt das jetzt schriftlich: „Die volksbühne berlin versammelt unter einem Dach Theater, Tanz, Performance, Konzert, Kino, Bildende Kunst und Kulturen des Digitalen“ heisst es in Dercons Konzept.
Dercons Begriff des Theaters ist nebulös: „Formen des Theatralischen haben ihr Spektrum erweitert, sie stellen heute eine realgesellschaftliche (häufig manipulative) Macht dar. Wir sprechen von einer Theatralisierung des Alltags und der Politik, von einer Inszenierung des öffentlichen Raums…“ Und so weiter.  
Aber wer sagt denn, dass Theater unbedingt Theater sein muss, notfalls genügen Dercon auch „Ausstellungen als Theater“. Die blumige Begründung: „Zahlreiche zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler machen das Museum zur Bühne und suchen den Dialog mit der Architektur oder mit vorgefundenen Situationen. Performances, Choreografien, Sound, Projektionen und Artefakte prägen ihre Parcours.“ Das ist eine Banalität, aber kein Konzept.
Dercons Freund Matthias Lilienthal prägte einst für die mit derlei Wortgeklingel versehene Darbietungen eine schöne Vokabel: „Kunstkacke“. In diesem Fall Kunstkacke mit einem aufgeblähten Luxus-Etat

Text: Peter Laudenbach

Foto: Jean Pierre Dalbe/ Flickr.com/ CCBY 2.0

Mehr über Cookies erfahren