Theater

Christian Petzold inszeniert am Deutschen Theater

Christian Petzoldtip Die meisten Theaterleute gehen lieber ins Kino als ins Theater. Sie machen es jetzt genau umgekehrt. Was reizt Sie daran, ein Theaterstück zu inszenieren?
Christian Petzold Dass das Theater etwas prinzipiell anderes als Kino ist. Was mich daran interessiert, ist, einem Realismus zu entgehen. Am Theater haben mir immer Dinge gefallen, die es im Kino kaum gibt, außer vielleicht bei Regisseuren wie Fassbinder oder Visconti: Masken, Choreografien, Chor, eine ausgestellte Künstlichkeit. Heute akzeptiert man im Kino fast nur noch eine bestimmte Form von Fernsehrealismus, der eigentlich auch total künstlich und manieriert ist. Oliver Reese vom Deutschen Theater hat mir zuerst vorgeschlagen, ein Stück von Ibsen zu inszenieren. Aber das kommt mir vor wie der 20-Uhr-15-Film des 19. Jahrhunderts, furchtbar. „Der einsame Weg“ wurde 1904 hier am Deutschen Theater uraufgeführt, fünf Jahre nach der Erfindung des Kinos. In Berlin gab es schon das heutige Moviemento-Kino, das hieß damals „Das lebende Bild“. Vielleicht ist das Kino für Schnitzler eine Befreiung gewesen, weil das Theater jetzt nicht mehr die Wirklichkeit abbilden muss, so wie die Erfindung der Fotografie die Malerei befreit hat.

tip In Ihren Filmen wird viel Auto gefahren, man begegnet seltsam ortlosen Menschen, die in ihrem Leben nicht zu Hause sind und sich durch transitorische Orte bewegen: Konferenzräume, Hotelzimmer, leere Landschaften, gesichtslose Städte. Am Theater schrumpft der Raum zur Block Box einer Bühne. Keine Autobahnen, kein Meer, keine Weite, durch die sich verlorene Figuren bewe­gen. Wie gehen Sie mit dieser Verdichtung des Raumes um?
Petzold Genau dieser Kontrast zum Film ist es ja, was mich am Theater interessiert. Beim Film drehen wir an Originalschauplätzen. Die Schauspieler müssen sich zu diesen Orten und ihrer Geschichte oder ihrer Geschichts- und Gesichtslosigkeit verhalten. Oft sind es Orte, an denen die Menschen keine Spuren hinterlassen, was furchtbar ist. Auf der Bühne gibt es keinen Originalschauplatz, also will ich auch nicht so tun, als wären wir an einem irgendwie realen Ort. Unsere Bühne ist nicht naturalistisch, es gibt kein einziges Requisit. Einen bürgerlichen Salon um 1900 nachzubauen, würde ich albern finden. Auf der Rückwand gibt es die Echtzeit-Filmprojektion eines Sonnenaufgangs über dem Urbankrankenhaus mit dem Wasser davor. Das sieht genau so aus wie die „Toteninsel“ von Böcklin, eine sozialdemokra­tische Siebziger-Jahre-Toteninsel. Das Krankenhaus passt auch zu dem Arzt und Schriftsteller Schnitzler, der sich selbst im „Einsamen Weg“ in den Arzt Reumann und den Schriftsteller Sala aufspaltet.

Der einsame Weg
tip Sie holen sich einen Originalschauplatz, den realen Ort zumindest als Filmbild auf die Bühne?
Petzold Genau. Bis auf diesen Film ist es ein leerer Kasten. Und es ist wieder ein Durchgangsraum. Heute auf der Probe dachte ich, dass auf dieser leeren weißen Bühne alles zur Großaufnahme wird, weil jede Geste ausgestellt ist. Dieses Risiko habe ich ein bisschen unterschätzt.

tip Noch ein anderer Kontrast: Die Figuren in Ihren Filmen reden relativ wenig. Man hat das Gefühl, dass sie ihre Lage und ihre Motive nur zum Teil begreifen und eher blind, nicht immer bewusst und rational gesteuert handeln. Vergli­chen damit sind Schnitzlers Figuren echte Plau­dertaschen, die sich und andere dauernd in einem eleganten Salon-Parlando analysieren.
Petzold
Das stimmt. Wir haben den Text um fast die Hälfte gekürzt und dabei …

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Foto von Christian Petzold: Christian Schulz

Foto „Der einsame Weg“: Alexander Paul Englert

Der einsame Weg
Deutsches Theater, Schumannstraße, Mitte,
Sa 14.3. (P), So 15., Mo 16.3., 19.30 Uhr

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