Theater

Christof Loy\s Berlin-Debüt „Jenufa“

Christof LoyHerr Loy, Sie haben in halb Europa gearbeitet, aber noch nie in Berlin. Haben Sie vor der Premiere von „Jenufa“ an der Deutschen Oper am 4. März ein wenig Angst?
Ich werde im Dezember fünfzig Jahre alt. Ich habe die Inszenierungen nicht gezählt, die ich gemacht habe, es sind seit 1990 schon einige gewesen. Wovor sollte ich also Angst haben?

Vielleicht vor der aufgeheizten Atmosphäre von Ex und Hopp, vor den oft ungeschickten lokalen Kulturpolitikern, vor der Konkurrenz der beiden anderen Opernhäuser?
Ich habe immer versucht, mich von kulturpolitischen Gedanken frei  zu machen. Was ich über die Jahre mehr und mehr begriffen habe, ist, wie wichtig der Dialog mit dem jeweiligen Publikum ist. Man muss einen Spagat finden zwischen dem, was man selbst auf die Bühne bringen will und dem, was wo wie verstanden wird. Deshalb fühle ich mich an der Deutschen Oper sehr gut aufgehoben, weil es hier seit Jahrzehnten die gute Tradition gibt, sich auf den singenden Darsteller zu konzentrieren. Wie in der berühmten Inszenierung von Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ durch Götz Friedrich, die ich mit sechzehn Jahren sogar in der ersten Besetzung mit Dietrich Fischer-Dieskau, Julia Varady, Hanna Schwarz, Josй van Dam und Barbara Hendricks gesehen habe. Diese Aufführung verbinde ich ganz entscheidend mit Berlin, eine unglaublich kluge, präzise Personenführung und ein hoher sängerischer Standard.

Das kann man über die letzten Jahre an der Deutschen Oper kaum noch sagen. Sollen Sie jetzt und beim ab Sommer 2012 amtierenden Intendanten Dietmar Schwarz für ein besseres Regie-Niveau sorgen?
Es gab auch schon Gespräche mit der bisherigen Intendantin Kirsten Harms, aber irgendwie kamen wir nicht zusammen. Dann hat mich der neue Generalmusikdirektor Donald Runnicles angerufen, mit dem ich zu Anfang meiner Karriere in Freiburg 1992 „Die Entführung aus dem Serail“ gemacht habe. Das war eine tolle Zusammenarbeit. Und so habe ich gleich zugesagt.

Leoљ Janбceks 1904 uraufgeführte Oper „Jenufa“ spielt in einem mährischen Dorf. Jenufa soll unbedingt verheiratet werden, aber da sie ein uneheliches Kind hat, was niemand wissen darf, bringt ihre Ziehmutter den Säugling um. Bei der Hochzeit wird die Leiche entdeckt, die Ziehmutter gesteht den Mord. Jetzt mal ehrlich: Wen soll das heute noch interessieren?
Sie haben ja recht, die reine Story könnte man – bis auf die letzten zehn Minuten der Oper – auch in der Bild-Zeitung lesen: „Wieder Kind in der Mülltonne entdeckt“. Das Besondere an „Jenufa“ ist aber, dass Janбcek die ganze Geschichte nicht trivial sentimental erzählt, und dass Jenufa am Schluss ihre Existenz und ihr Schicksal in einem großen Akt des Verständnisses quasi überhöht. Diese einfache Frau, die weder studiert, noch ein horizonterweiterndes Umfeld hat, entwickelt plötzlich eine unglaubliche Sensibilität für die Komplexität ihrer Umgebung, ja der Welt. Ich glaube, dass die Identifikationsmöglichkeiten mit so einem Stück und seiner Botschaft wirklich heutig sind. Für mich gehört „Jenufa“ sicher zu den zehn wichtigsten Opern, die man überhaupt spielen soll.

Was machen Sie mit den starken sozialkritischen Bezügen?
Ich würde den Begriff „sozial“ gern um die Ebene von Sexualität und Triebsteuerung erweitern. Jeder will hier geliebt werden, aber wenn dieser Wunsch nicht sofort erfüllt wird, entstehen furchtbare Aggressionen. Janбcek kam, wie ich gelesen habe, wohl überhaupt nicht mit seinem Sexualtrieb zurecht. Das, was Jenufa am Ende gelingt, sozusagen allen Schmutz von sich abzutun und aufzuatmen, hat er zwar gewollt, aber nicht geschafft. „Jenufa“ endet mit einer Utopie des Liebesbegriffs. Würde man diese Liebe wirklich leben, hätte sie ein unglaublich bewusstes Sozialverhalten zur Folge.

Frank Castorf hat in einem Interview sehr bedauert, dass ihm für seine Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ 2013 in Bayreuth Eingriffe in die Partitur vertraglich verboten wurden. Würden Sie auch gerne in die Partitur der Opern, die Sie inszenieren,  eingreifen?
Mir erscheint es reizvoller, in dem „Zwang“ der Partitur die Freiheit zu entdecken und dann ein solches Ergebnis zu erzielen, von dem die Zuschauer denken, dass dieses Stück extra für den jeweiligen Abend kom-poniert worden ist – eine Uraufführung, egal, ob es 100 oder 200 Jahre alt ist. Das wäre das Schönste!

Sie sind mit dem Autor und Dramaturgen Thomas Jonigk liiert?
Ja, wir sind sogar verheiratet und leben zusammen in Zürich.

Sehen Sie sich denn bei Ihren vielen Inszenierungen gelegentlich auch einmal?
Natürlich, und wir haben dafür eine goldene Regel entwickelt – länger als zwei Wochen sind wir nie getrennt. Entweder fahre ich übers Wochenende nach Hause oder er kommt zu mir. Man muss das natürlich schon sehr gut durchplanen. Alle zwei Monate sitzen wir mit dem Kalender zusammen und gucken, wo treffen wir uns, welcher Flug muss gebucht werden. Wenn man sich zu selten sieht, hat Partnerschaft ja keinen Sinn.

Arbeiten Sie auch manchmal miteinander?
Zuletzt habe ich sein neues Stück „Weiter träumen“ in Zürich inszeniert, im Herbst kommt dann in Basel die Uraufführung der Oper „Der Sandmann“ von Andrea Lorenzo Scartazzini heraus, zu der Thomas das Libretto geschrieben hat. Und da ich seinen kreativen Blick schätze, versuche ich ihn auch als Dramaturgen im Musiktheater zu gewinnen, wie bei Händels „Theodora“ 2009 in Salzburg.

Zweifeln Sie manchmal an Ihrem Beruf?
Nein. Ich liebe meinen Beruf und ich möchte keinen anderen haben und ich hoffe, dass ich irgendetwas dazu beitragen kann, dass das, was wir da treiben, nicht nur uns Vergnügen macht, sondern dass wir wirklich etwas bewegen können im Menschen. Oper ist ein emotionales Erlebnis, wie, wenn man Sport macht. Der Sport ist ja auch zunächst etwas Körperliches, danach kann sich der Geist neu sortieren.

Haben Sie selbst denn noch Zeit für Sport?
Oh ja! Seit ein paar Jahren suche ich mir überall, wo ich inszeniere, einen Personal Trainer und arbeite mit dem zwei- bis dreimal die Woche. Das tun viele reisende Opernsänger auch. Und ich habe gemerkt, wenn ich Sport treibe, ist es besser für alle. 

Interview: Irene Bazinger
Foto: Monika Rittershaus

Jenufa?
Premiere 4.3., 18 Uhr, weitere Termine 8., 10., 16.3., 19.30 Uhr,
Deutsche Oper, Bismarckstr. 35,
Karten-Tel. 34 38 43 43

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