Dokumentartheater

„Clean City“ im Gorki

Die Unsichtbaren: „Clean City“ aus Athen zeigt Schmutzarbeit, „Reinheit“ und viel Rassismus

Christina Georgiadou

Wer zahlt den Preis für eine saubere Stadt? Wer wird aus dem öffentlichen Raum vertrieben, und wer macht die schmutzigen Arbeiten, die diese Sauberkeit erst ­garantieren? Die griechischen Regisseure ­Anestis Azas und Prodromos Tsinikoris erkunden in ihrem Projekt „Clean City“, das sie jetzt als Gastspiel am Gorki Theater zeigen, wie sozialer Ausschluss, Verachtung prekärer Arbeit, offener oder verdeckter Rassismus und die Produktion eines Bildes von „Sauberkeit“ und „Reinheit“ ineinandergreifen. Die Regisseure haben fünf Frauen zu Protagonistinnen ihrer Inszenierung ­gemacht, für die der Zusammenhang ­zwischen Migration, Schmutzarbeit und Diskriminierung Alltag ist: eingewanderte Putzfrauen in Athen. Eine von ihnen hält zum Beispiel das Kulturzentrum in Athen sauber, in dem die Inszenierung zur Aufführung kam.

Sie erzählen ihre eigenen Geschichten, etwa die Bulgarin, für die die Arbeits- und Armutsmigration ins krisengeschüttelte Griechenland immer noch besser war als die Zustände in ihrer Heimat: „Ich hatte von ­einer Agentur gehört, die Leute nach Athen bringt. Ich hielt die Armut nicht mehr aus. Dass ich kein Geld für die Bücher der Kinder hatte. Mein Mann kam an dem Morgen nicht mal zum Bus, um mich zu verabschieden. Es kam nur mein Sohn. ‚Mama, geh nicht, ich brauche dich‘, sagte er. Als der Bus losfuhr, sah ich ihn hinter einer Säule weinen.“

Die Putzfrauen machen deutlich, wie die Alltags-Mechanismen des sozialen Ausschlusses funktionieren – etwa wenn eine Kundin, eine Ärztin, empört darüber ist, dass ihre Putzfrau genau wie sie selbst eine ­Markenjeans trägt: „Valentina, dass du so eine Hose trägst, bedeutet, dass du nicht am Hungertuch nagst, sondern zum Spaß arbeitest. Es ist besser, du überlässt jemandem die ­Arbeit, der sie wirklich nötig hat.“ So funktionieren robuste Distinktionsspiele: Dass die Putzfrau die gleiche Jeansmarke trägt, könnte bedeuten, dass sie auch ein Mensch ist und dass sie weniger von ihrer Auftragsgeberin trennt, als der lieb ist – kein Wunder, dass das bei der Mittelschicht-Chefin für Irritationen sorgt.

Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte, Di 21.11. + Mi 22.11., 19.30 Uhr, Eintritt 10–34 €

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