Theater

„Clivia“ in der Komischen Oper

Der Komischen Oper scheint derzeit alles  zu gelingen. Trubel, Kitschtaumel und Besinnungslosigkeit herrschten bei der „Clivia“-Premiere. Obwohl die Geschwister Pfister noch nie auf einer so großen Bühne die Sau rauslassen mussten. Und obwohl klar ist, dass Christoph Marti (alias Ursli Pfister) die Clivia – seine Traumrolle! – nur deswegen singen will, um mal wieder in Strass und Flitter eine Showtreppe he­rabschweben zu können.

Komponist Nico Dostal (1895–1981) gehört zur durchaus fragwürdigen Untertruppe von Operetten-Spezialisten, die willfährig für die Nazis produzierten. Und zwar Werke, welche die Lücken stopfen sollten, die durch die vertriebenen, jüdischen Komponisten entstanden waren. So schuf Dostal 1939 „Die ungarische Hochzeit“, um Emmerich Kalmans missliebige „Csardasfürstin“ zu ersetzen. „Clivia“ immerhin, uraufgeführt 1933 am Theater am Nollendorfplatz, ist von solch schmierigen Intentionen frei.

Als wasserstoffblondes Gift gibt Christoph Marti den Filmstar als Mischung aus Jean Harlow und Lottoqueen Karin Tietze-Ludwig. Tobias Bonn (alias Toni Pfister) als boliguayischer Gaucho bildet die klebrige Mitte zwischen Errol Flynn und Bata Ilic. Andreja Schneider (die dritte Pfister) marschiert als weiblicher Offizier Yola mit strammen Schritten auf den Typus Adele Sandrock zu. Stefan Kurt schließlich als schwerelos tuntiger Finanzmogul hat seinen besten Auftritt seit vielen Jahren. Also: ein Retrospaß der verrüschten und ironisch vertrutschten Sorte. Aber nicht schlecht!

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Stephan Prattes hat eine superaufwendige Fernsehshow-Dekoration gebaut, bei der das Orchester sich um sich selber dreht. Man würde sich überhaupt nicht wundern, wenn plötzlich Hans-Joachim Kulenkampff aus der Kulisse spränge. Die Paso-Doble-artigen Arrangements von Kai Tietje werden vom Orchester knuffig, knallig und schillernd wie verdorbener Schinken über die Rampe gebracht. Mehr ist aus dem schönen Machwerk schlicht und ergreifend nicht herauszuholen.

Kollegen, die bei der Premiere eine Klamotte witterten oder Harmlosigkeit beklagen, haben, wie ich fürchte, das Genre nicht ganz verstanden. Anders gesagt: Wer dem Stummfilm Slapstick vorwerfen würde, hätte „Dick & Doof“ nicht kapiert! Dies ist die harmlos-frechere Schwester von „Ball im Savoy“. Man lacht manchmal unter Niveau. Aber wie oft lacht man im Theater schon unter Niveau?!

tip-Bewertung: Sehenswert

Clivia Komische Oper Berlin, Fr 28.3., 19.30 Uhr; So 20.4., 19 Uhr; Sa 26.4., 19.30 Uhr; Mo 23.6., 19.30 Uhr; Mo 7.7., 19.30 Uhr; Karten-Tel. 47 99 74 00

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