Theater

„Conflict Alt Esc“ im HAU

conflict_alt_escEin Mann schaut auf ein Schlachtfeld. Zwischen Hochhäusern, Klimaanlagen und Satellitenschüsseln klaffen Schutthalden und Geröllfelder, ganze Etagen scheinen eingestürzt; der Horizont versinkt im Staub. Diese heruntergekommene Stadt ist Kairo. Der Mann, der sie betrachtet, ist der Regisseur Tamer El Said. Er hat in den letzten vier Jahren den Niedergang Kairos, aber auch Bagdads und Beiruts filmisch dokumentiert. Im Februar dieses Jahres endeten die Dreh­arbeiten zu „The Last Days of the City“ während der Aufstände auf dem Tahrir-Platz. „Es war der wirtschaftliche Verfall, der Ende der 80er auch den Niedergang der kommunistischen Regimes angekündigt hat“, sagt Matthias Lilienthal. „Tamer El Said hat an arabischen Stadtlandschaften abgelesen, dass es dort so nicht weitergehen konnte.“ Mit dem Festival „Conflict Alt Esc“ reagiert der HAU-Chef auf den arabischen Frühling: Theaterproduktionen, Filme und Gespräche mit Künstlern aus der Region geben an sechs Tagen Einblicke in Gesellschaften, die sich im Umbruch befinden, aber auch häufig im Konflikt mit den alten Machtapparaten aufreiben.

Dabei kann das Theater manchmal besonders schnell reagieren. Die 30-jährige Ägypterin Laila Soliman etwa hat für „No Time for Art“ protokolliert, was während der Proteste in Kairo diskutiert wurde. Drei Performer spielen die zu Minidramen montierten Augenzeugenberichte von Zusammenstößen mit Polizei und Militär. Der irakische Theatermacher Mokhallad Rasem, ebenfalls Jahrgang 1981, hat seine Heimatstadt Bagdad bereits vor sechs Jahren verlassen und in Antwerpen die Performance „Irakische Geister“ herausgebracht, die mit Ironie und Groteske den Krieg auf der Bühne darzustellen versucht: „Ohne den Krieg wäre ich nicht in dieser Show. Vielen Dank dem Krieg!“ Rabih Mrouйs Performance Lecture „Who’s Afraid of Representation?“ hat hingegen schon ein paar Jahre Festivaltouring auf dem Buckel, gehört aber immer noch zu den pointiertesten Produktionen über (westlich inspirierte) Kunst und (libanesische) Politik im nahen Osten.

„Emergency as Routine – Der Ausnahme- als Normalzustand“ ist so etwas wie der heimliche Untertitel des Festivals. Auch das Filmprogramm, kuratiert von der Deutsch-Palästinenserin Irit Neidhardt, konzentriert sich auf Produktionen jenseits des arabischen Kino-Mainstreams. Neben Tamer El Said stellen die Libanesin Dima El-Horr und der arabische Jude Kamal Aljafari Filmarbeiten vor. El-Horrs surrealer Spielfilm „Every Day is a Holiday“ beobachtet drei Frauen, die auf dem Weg zum Besuch bei ihren Männern im Gefängnis in der Wüste stranden; Aljafari, der in Deutschland lebt, dokumentiert die Verdrängung der Araber aus Jaffa – und eine versinkende Welt („Port of Memory“).

Zum Festivalfinale diskutieren die Autoren James Miller („Lost Boys“) und Khaled Al Khamissi („Im Taxi“) über „Facebook-Revolten“ von Kairo bis London. Denn für Lilienthal stehen die Umbrüche im arabischen Raum in direktem Zusammenhang mit den Ausschreitungen von London, Madrid und den jüngsten Occupy-Protesten: „So verschieden diese Bewegungen auch interpretiert werden – in Kairo die guten Demokraten, in London der Mob: Sie alle haben damit zu tun, dass weite Teile der Jugend systematisch von gesellschaftlichen Prozessen ausgeschlossen werden.“

Text: Eva Behrendt

Conflict Alt Esc HAU, 2.–7.11., www.hebbel-am-ufer.de, Karten-Tel. 25 90 04 27

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