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Constanza Macras „Megalopolis“ in der Schaubühne – Teil 2

MegalopolisDas andere Extrem ist die sich wellenartig ausbreitende Gewalt, die außer Kontrolle gerät und die fragile Ordnung der Stadt kollabieren lässt – wie in Bombay, wo 1993 drei Wochen lang Hindus und Moslems aufeinander losgingen und sich ge­genseitig zu Hunderten abschlachteten. Oder, entschieden harmloser, aber bedrohlich genug, 2005, in den Pariser Banlieues, als sich die arabischen Communitys gegen die „Stadt“ auflehnten.
Constanza Macras selbst hat als Kind am Rande von Buenos Aires gelebt. Eine kurze Weile zumindest. In einem Einfamilienhaus mit Garten und anderen, ähnlichen Häusern und mit Wiesen und ein paar Kühen drumherum. Aber schon nach wenigen Jahren hatte sich der Moloch Buenos Aires bis zu ihnen vorgefressen und das Idyll zerstört. Die Macras’ lebten jetzt selbst in der Stadt. Urlaub, sagt Constanza Macras, mache sie gerne in großen Städten. Wie zuletzt eine Woche in Istanbul. Leben möchte sie in einer solchen Mega-City nicht, deswegen wohnt sie in dem aus ihrer Sicht so wunderbar freundlichen und beschaulichen Berlin. Berlin – eine Metropole? Von wegen. Macras: „Die einzigen europäischen Megalopolen sind London und Paris. Entsprechend hart und aggressiv sind sie auch.“

Etwas, für das sich die Choreografin ziemlich begeistert, ist das Phänomen der raschen Alterung von Städten und Siedlungen, die gerade eben noch hypermodern waren. Für Städte, wie es sie etwa im Mittleren Osten immer wieder gibt. Wenn in der Nähe Öl gefunden wird, wachsen diese Orte binnen kürzester Zeit – und werden zu Phantomen, sobald das Öl zu Ende geht. Orte einer extremen Moderne, die direkt in einen Anachronismus übergehen. Nur, wie will man so etwas auf die Bühne bringen? Natürlich gibt es bei „Megalopolis“ wie in fast jedem Macras-Stück gleich mehrere Leinwände auf der Bühne. Und es gibt die Szenen mit den Tänzern und Performern, die von den Mikrokosmen der Stadt erzählen. Von den ganz eigenen Dynamiken von Zuständen wie Wut, Einsamkeit oder eben Mitgefühl. „Denn das erlebt man immer wieder in großen Städten“, sagt Constanza Macras, „dass man auf einmal mit wildfremden Menschen Mitgefühl empfindet. Oder einfach diese verrückten Momente der Verbundenheit mit Fremden, diese Momente, wo man denkt, oh wow, dieser Mensch ist großartig!“

Im Laufe dieses Jahres wird Constanza Macras in Johannesburg arbeiten. Drei Tage war sie schon einmal für einen ersten Kurzbesuch da. „Wieder so ein unglaublicher Ort“, sagt sie, „Johannesburg hat nichts mit den anderen großen Städten zu tun, die ich kenne. Das Transportwesen ist dort so gut wie nicht existent. Die Segregation funktioniert darüber, dass du nirgendwo hingehen kannst, wenn du kein eigenes Auto hast.“ Selbst die Taxis fahren einen in Johannesburg nicht überall hin.
Jede große Stadt hat ihre ganz eigene Dynamik. Ein wenig davon wird Macras auf die Bühne bringen. Es wird laut sein und verwirrend, und man wird sich wundern, warum Menschen das tun, in solch gewaltigen Molochen leben. Wie sie es aushalten miteinander und wie sie ihre Unterschiedlichkeiten ertragen. An ein Idyll des Multikulturalismus glaubt Macras nicht. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass die Menschen sich tatsächlich verstehen: „Man assimiliert nur ein paar Dinge, ohne zu wissen, worum es wirklich geht und was es bedeutet.“ Es ist ein hybrides System, das unterschwellig eine Menge Aggressionspotenzial bereithält. Nicht zuletzt, weil man sich unaufhörlich missversteht. Und in solche Missverständnisse, da kann man sicher sein, werden sich die Performer in Macras’ neuem Stück mit Begeisterung stürzen.

Text: Michaela Schlagenwerth
Fotos: Thomas Aurin

Termine Megalopolis

in der Schaubühne,
Sa 16. bis Mo 18.1., 20.30 Uhr,
TICKETS

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