• Kultur
  • Theater
  • Constanza Macras „Megalopolis“ in der Schaubühne

Theater

Constanza Macras „Megalopolis“ in der Schaubühne

Megalopolis_ProbenaufnahmeConstanza Macras kommt zu spät. Draußen bedeckt eine dicke Eisschicht den Eingang zu den Weddinger Uferhallen. Drinnen im Probensaal stehen die Tänzer im Kreis, zupfen sich an den Ohrläppchen und stoßen dabei gurgelnde Töne aus. Aufwärmübungen für die Proben zu „Megalopolis„, der neuen Produktion der argentinischen Choreografin und ihrer Compagnie Dorky Park. Ein Stück über die Megastädte dieser Welt, das demnächst in der Schaubühne Premiere haben wird. Müll türmt sich auf der Bühne, daneben trostlose, mit vergilbtem Zeitungspapier tapezierte, ineinander verschachtelte Räume.

Später, während der Probe, wird eine der Darstellerinnen auf die Dächer klimmen oder mit den Armen rudernd auf dem Vorplatz stehen und hysterisch Gelehrtes über die „Generic City“ von sich geben – über die Stadt ohne Eigenschaften, wie sie der niederländische Architekt Rem Koolhaas in einem Essay beschrieben hat. Es gibt die Orte, die von Touristen besucht werden, Orte für Pornografie, die immer gleichen Shopping Malls in den Metros. Alles scheint ähnlich und ist doch unterschiedlich. Macras interessiert sich vor allem für die Ähnlichkeiten. Die von keiner Scham getrübten Verrichtungen privater Dinge etwa, wie sie so ungeniert nur Menschen in großen Städten zeigen. Vom Essen und Handy-Telefonieren in der U-Bahn bis zum lauthals ausgetragenen Streit der Pärchen. Der Grund, so Macras: „Wer aus den Suburbs der Megalopolen in die City fährt, der verbringt dort viel Zeit. Es bleibt den Menschen nichts anderes übrig, die Wege sind einfach zu weit.“ Und dieser lange Aufenthalt im öffentlichen Raum verändert das soziale Verhalten. Er wird gleichzeitig privatisiert und ignoriert.

Mit dem Phänomen „Stadt“ beschäftigt sich Constanza Macras auf unterschiedliche Weise in vielen ihrer Stücke – von der
so­ziologischen Feldforschung 2002 für „Scratch Neukölln“ über „Bricklands„, das 2007 an der Schaubühne herauskam, ein Stück über Gated Communitys, bis zu „Paraнso sem Consolaçгo„– „Trostloses Paradies“. Bei den Recherchen dazu lebte Cons­tanza Macras sieben Wochen in Sгo Paulo und wunderte sich über fehlende Reklameschilder (sie wurden per Gesetz verboten), über Swimmingpools auf Hausdächern, dschungelartige Parks und den Hubschrauberparallelverkehr am Himmel. Und über die Dichte, die Undurchdringlichkeit der Stadt, die sie dann in ihrer Inszenierung umsetzte.

Macras-Inszenierungen sind laute, chaotische Überforderungen, die mit Simultanität, mit einem Overkill an Bildern arbeiten. Immer muss man überall gleichzeitig hingucken, passieren viele Dinge im selben Moment. Vom Leben in den großen Städten, so Macras, bekomme sie ihre stärksten Inspirationen. Macras liebt Extreme – sie machen die Dinge deutlicher. Wie am 11. September 2001, als sie sich ausgerechnet in New York aufhielt. Nach den Anschlägen wurden die sonst so harten Menschen der Stadt auf einmal von einer Welle des Mitgefühls erfasst. „Jeder wollte helfen. Die Leute aus den Läden und den Wohnungen brachten den Feuer­wehrleuten Essen. Überall auf der Straße suchten die Menschen Kontakt. Sie wollten miteinander reden, sich austauschen, erzählen, ob sie jemanden kannten, dem etwas passiert sein könnte oder jemanden, der jetzt half.“

weiter | 1 | 2 |

Mehr über Cookies erfahren