Theater

Context-Festival im HAU

context-festivalFünf Tänzer, Männer und Frauen, die ihre Hüften gemütlich in Salsa-Manier wiegen, während es aus den Boxen tobt und nach einem Opfer schreit. Leises, verhaltenes, exotisches Understatement, scheinbar ganz beiläufig, bis am Ende, beim letzten Strawinsky-Takt, doch jemand reglos auf dem Boden liegt. Das war der von einer merkwürdig somnambulen Verlangsamung befallene „Sacre du Printemps“, den der israelische Choreograf Emanuel Gat vor vier Jahren im Hebbel-Theater zeigte. Jetzt ist er wieder in Berlin. Mit „Silent Ballet“ und „Winter Variations“, seinen beiden neuen Arbeiten, wird Emanuel Gat im HAU 1 das Tanzfestival Context eröffnen, das sich dieses Mal mit schlechten Angewohnheiten befasst.

Nicht mit Dingen wie zu laut lachen oder ohne Taschentuch zu schneuzen, sondern mit schlechten Bühnen-Angewohnheiten. Zum Beispiel beim Umgang mit Musik. Und davon versteht Emanuel Gat eine Menge. Schließlich wollte er selbst einmal Dirigent werden. Musik benutzt Gat in seinen Tanzstücken auf eine sehr eigene Weise. Wie in seinem „Silent Ballet“, in dem die Tänzer zu ihren Bewegungen auch gleich die Töne produzieren. Musik studiert hat Gat allerdings gerade mal drei Monate an der Rubin Music Academy in Tel Aviv. Darüber, dass er so schnell alles hinwarf, ist er bis heute froh. Zwei Jahre hatte er sich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet, Klavierstunden genommen, sich mit Harmonielehre befasst. Aber als er es dann schließlich geschafft hatte und zwischendurch, in den Ferien, an einem Tanzworkshop der Compagnie Liat Dror Nir Ben Gal teilnahm, wurde er lieber Tänzer.

Emanuel Gat, Kind marokkanischer Einwanderer aus dem Maghreb, dessen Vater für den israelischen Geheimdienst Mossad gearbeitet, dann als Bauunternehmer viel Geld verdient und alles wieder verloren hat, sagt über seine Kindheit und Jugend, dass er sie im Wesentlichen am Meer mit Surfen und Wellenreiten verbrachte. Im Tanz fand er beides, was ihn interessierte: Musik und Bewegung. Im Lauf eines halben Jahres wurde er als Tänzer so gut, dass ihn Liat Dror und Nir Ben Gal in ihre Compagnie aufnahmen. Mit ihnen tourte er durch die Welt, und bald versuchte er sich an ersten kleinen, eigenen Soli.

„Ich bin zäh“, sagte Emanuel Gat in Israel vor fünf Jahren. Er wartete bei 35 Grad im Schatten auf einem Parkplatz von Kiryat Gat. Alles hatte er damals auf diese Stadt, eine der ärmsten Israels, gesetzt. So sehr, dass er sich sogar einen zur Stadt passenden Künstlernamen gab. Ein choreografisches Zentrum wollte Emanuel Gat in Kiryat Gat gründen. In einem alten Auto fuhr er die Besucher in ein leer stehendes, gespenstisches Industriegebäude, an dessen Wänden futuristische Architektur-Zeichnungen hingen. Entwürfe für das zukünftige Zentrum. Ein Jahr später war er fort und sein Projekt gescheitert. „Ich war der Probleme in Israel überdrüssig, weil sich nichts ändert, es geht ständig im Kreis“, sagt Emanuel Gat heute. Ob er es als arabischstämmiger Jude in Israel schwerer hatte oder nicht, ist eine Frage, die er für irrelevant hält. Nein, so hat er es nicht erlebt.

Aber in Frankreich haben sie ihm alle Türen geöffnet. Ihm ein eigenes Haus gegeben, große Festivals produzieren seine Stücke, auch für das Ballett der Pariser Oper, eine der ältesten, größten und berühmtesten Compagnien der Welt, hat er inzwischen gearbeitet. Sie lieben ihn dort für seinen sinnlich aufgeladenen, virtuosen Tanz, der gleichzeitig  intelligent ist und formbewusst.

Wirklich schlechte Angewohnheiten sind von Emanuel Gat wohl kaum zu erwarten. Eher ein Nachdenken darüber. Anders dürfte es sich bei der New Yorker Punk-Performerin Ann Liv Young verhalten, einem anderen Gast des Festivals. Vor vier Jahren, beim Tanz im August, brüllte sie Songs, bis sie heiser war, urinierte auf einen rosa Teppich, eines ihrer Markenzeichen. Im MoMA sollen sie ihr während einer Aufführung schon einmal das Licht ausgedreht haben. Der Rezensent der „New York Times“ verließ die „Cinderella“-Vorstellung, die jetzt auch beim Context-Festival zu sehen sein wird. Nicht, weil ihn Urinieren auf der Bühne schocken würde, wie er schrieb, sondern weil er es traurig fand, wie Young ihr Publikum dazu animierte, sich schlecht zu benehmen. Mal sehen, ob ihr das auch in Berlin gelingen wird. Sieben Choreografen werden insgesamt erwartet, darunter Xavier le Roy, der endlich wieder einmal eine Uraufführung in der Stadt zeigen wird.

Text: Michaela Schlagenwerth

Foto: Stephanie Berger

Context # 8 21.-29. Januar; HAU 1, 2, 3; genaue Termine siehe Programmteil

Emanuel Gat Dance 21. und 22. Januar im HAU 1, 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 90 04 27

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