Theater

Cora Frost im Admiralspalast

Cora_Frost_Foto_Christina_GoersDraußen am Merchandising-Tisch vor dem Saal steht eine 30 Zentimeter hohe Shakira-Plastikpuppe als Metapher fürs verhurte Künstlerleben. „Für nur 20 Cent“, steht auf einem schäbigen Pappschild, schwingt sie die Hüften. Cora Frost nimmt ein bisschen mehr. 25 Euro kostet eine Karte für ihre aktuelle Show im Schnitt. Doch den ausladenden Hüftschwung beherrscht sie auch, wenn sie den Eröffnungssong Dicke Marie im weißen Hochzeitskleid zelebriert. Best of Rest of heißt die Show doppeldeutig, mit der die Frost zum 25-jährigen Bühnenjubiläum im Studio des Admiralspalastes Bilanz zieht.
Man ist ganz unten angekommen. Im Keller eines „viertklassigen Live-Sex-Clubs“ hat sich die Diva mit ihren drei Musikern versammelt, um noch mal die alten Lieder zu spielen. So geht die Rahmenhandlung für diesen dreistündigen Abgesang. Während die Crew auf den Auftritt wartet, und nicht mal der Porno-Dreh gelingt, mit dem sie ein bisschen Geld verdienen wollte, spielen sie noch mal die alten Lieder und erinnern sich an die alten Zeiten: „Weißt du noch, die Nudelsuppe vor dem Trucker-Casino? Weißt du noch, die großen Stadien?“, fragt Pianist Gerd Thumser seine Sängerin wehmütig, bevor er sie anklagt: „Alle schlafen sich hoch – nur Madame schläft sich runter!“

Cora_FrostWie alle guten Scherze hat auch dieser einen wahren Kern. Es ist gut zehn Jahre her, da war Cora Frost ganz oben. Als schillernde Königin schwamm sie auf einer Welle von etwas, das man damals das „neue deutsche Chanson“ nannte. Freche, frivole Texte zu altmodisch anmutenden Melodien. Ein bisschen dreckig und wunderbar melancholisch, zusammen mit anderen Szenegrößen von Tim Fischer bis Georgette Dee gab sie dem Berlin-Gefühl Mitte der 90er eine Stimme.

In der Bar jeder Vernunft sang sie über die Baukräne am Horizont, das Meer in Berlin und über lesbische bayrische Melkerinnen, die sich in Frauen verlieben, die aussehen wie Dolph Lundgren. Chansons waren auf einmal wieder hip und Cora Frost die Marlene Dietrich der neuen Berliner Republik. Für ihre Mischung aus Liedern und Clownerie wurde sie 1997 mit dem Kleinkunstpreis ausgezeichnet, sie spielte in einem Film, schrieb ein Buch, was Stars halt so machen. Anfang der 90er war sie von München nach Berlin gekommen. Nach Auftritten in Nachtclubs, „aufgewachsen unter brasilianischen Transvestiten“, wollte sie die Singerei an den Nagel hängen und „Dokumentarfilmerin“ werden. Dann kam Tim Fischer, überredete sie zu einem Duett-Abend. Der Rest ist Legende.

„Eine tolle Zeit war das damals“, sagt sie heute, „man wurde da hindurchgetragen.“ Wir sitzen draußen im Cafй am Rande des Viktoriaparks in Kreuzberg. Es ist kühl, trotz Herbstsonne, und wir sind die einzigen Gäste im Garten. Cora Frost wollte lieber draußen sitzen. Sie lässt den Mantel an. Um den Hals hat sie einen grünen Strickschal geschlungen. Keine Angst um die Stimme? „Nein, nein. Ich rauche nicht mehr, das reicht.“ Im Admiralspalast führt sie mit dieser rauen, hellen, verführenden Stimme durch den Abend. Sie singt die alten Lieder von unerfüllter Sehnsucht, von großer Liebe und großer Enttäuschung. Ihren Klassiker Paula Maus, die Zwergin, die im Bett verbrennt. Sie schlüpft in ein Don-Quichotte-Kostüm und verrenkt sich zu „Hamlet“-Zitaten, gesprochen von Angela Winkler, die Gelenke.

Die Bühne gewollt unaufgeräumt: ein Einkaufswagen, Pappkarton, ein paar Stühle, das Schlagzeug hinten rechts, das Piano vorne links. Darauf ein paar Unterhosen, zum Trocknen aufgehängt. Es ist ein alberner Abend. Voll schlechter Witze, ordinär, abgeschmackt unfertig. Und gerade darin gnadenlos ehrlich: Cora Frost steht halbnackt auf der Bühne. Das Anker-Tattoo leuchtet auf der rechten Schulter. So schlüpft sie in einen rosa Frotteebademantel, ein „Schwan im Brackwasser“, eine Diva im Morgenrock. Die „Füße im Dreck und den Kopf im Himmel drin“, huldigt sie mit ein „paar zusammengestöpselten Noten“ dem „alten Freund Einsamkeit“. Sie gurgelt ihren zweiten Klassiker, „Berlin, das liegt am Meer“, mit Moskowskaja. Auch so ein alter Gag, der ihrem mit ihr gealterten Publikum die Tränen in die Augen treibt. Dann bricht sie mitten im Lied ab. Kichert oder schreit.

Text:
Björn Trautwein

Foto: Christina Görs

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Best of Rest of Cora Frost
Studio Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte,
Do 23.10., Mi 29.10, 20.30 Uhr

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