Theater

„Corps de Walk“ bei Tanz im August 2012

Corps_de_WalkKennengelernt haben sich die beiden in einem Club in Tel Aviv. Sharon Eyal träumte, eine Ballerina zu werden. Und wurde Tänzerin bei der berühmten Batsheva Dance Company. Gai Behar war Musikproduzent, der jede Nacht gemeinsam mit DJ Ori Lichtik den Club-Sound in neue Sphären trieb. Ein größerer Kontrast ist kaum denkbar: die romantische Ballerina und der von der Technokultur besessene Soundmanager. Das Paar ist die Tanzsensation der Saison. Ausverkaufte Häuser in Göteborg, Oslo, Frankfurt/Main – sogar in Oldenburg. Nun kommen sie mit ihrem Stück „Corps de Walk“ nach Berlin.

Maschinenmusik und Ballett haben eins gemeinsam: pure Mathematik. Es ist eine reine Zählerei für die Tänzer. Zwo, drei, vier. Für den DJ gehören Frequenzmodulatoren und Bassschlagzahl genauso zur höheren Algebra. Jede Zahl ist ein Punkt in einem komplexen choreografischen Gewebe. Jede Bewegung orientiert sich an einer anderen, wie in einem grafischen Muster. Zuerst denkt man: Sie folgen stur einem Kommando. Purer Militarismus. „Gehen“, sagt Sharon Eyal, als gäbe sie ihre Losung aus, „ist der neue Tanz“. Ein ganzer Schwarm ihrer Tänzer geht synchron im Raum. Man denkt an Soldaten, an Orientierungsmärsche im Gleichschritt. Aber vielleicht hatte Eyal für ihr „Corps de Walk“ auch nur einen Traum: Alle Soldaten wären nackt. Ihre zwölf norwegischen Tänzer sind in ein straffes, blasses Ganzkörpernylon gekleidet. Die tatsächlich nackten Hände wirken im Kontrast zum körperengen Stoff wie braune Knospen, ihre Köpfe blühen über dem hellen Gewebe. Diese zu einer wahrhaftigen Kompanie geformte Kompanie Carte Blanche aus dem norwegischen Bergen formiert sich wie zu einem wehrhaften Wald.

Corps_de_walkEin Haufen Mensch steht da, die Hände hoch, wie Bäume im Frühnebel. Die Nebelmaschine arbeitet ohne Unterlass. Die Sonne bricht durch. Ori Lichtik malt das Ereignis mit elektronischem Beat, Versatzstücke von Debussy bis Aphex Twin. Die Tänzer wirken wie Figuren eines Schachspiels. Sie nehmen einander gegenüber Aufstellung, damit sie in die Schlacht gezogen werden. Unweigerlich glaubt man, Sharon Eyal sei beim israelischen Militär gewesen. War sie aber nicht. Choreografie ist für sie ganz einfach nur die Schönheit, eine Partie zu gewinnen.
Sie malt unablässig Zeichen in die Luft, als schleuderten Tänzer Handgranaten, die jede Bedeutung in Schutt und Asche legen. Sie legen die Hand wie ein Fernglas unter die Augen, werfen ihren Kopf entschieden synchron auf die Schulter; aber alles Zeichenhafte, die flatternden Hände, auch die ins Publikum gerichteten Zeigefinger bedeuten nichts. Sie sind die geometrisch exerzierten Rituale einer stolzierenden Tanzmaschine.

Eyals Infanterietänzer lassen ihre Fäuste im Takt der Schläge atmen. Und verlässt eine mal das Gleichmaß, steht sie wie zur Strafe auf Spitze. Andere feuern derweil aus den Fingern, geben Kommandos zum Rhythmuswechsel, erhalten Energie in immer neuen Ladungen von Schrittkombinationen, um den geradesten Weg zu suchen, hinunter zum Herzschlag des Publikums. Genau das ist das Prinzip auch jeder Clubparty und jeder DJ-Kunst. Sharon Eyal übersetzt sie nahtlos auf die Bühne. Das ist schlicht der Hammer: stark eben, kalt, eisern, herzlos, unbedingt, unzart, und für Anhänger eindringlicher Diskursproblematiken völlig ungeeignet.
Es geht der Choreografin um etwas anderes: Ihr romantischer Traum landet punktgenau im Rausch des Techno und all seiner musikalischen Folgeerscheinungen. „Ohne präzise Intensität kann man nicht frei sein“, sagt Sharon Eyal, und weil man es kaum glauben mag, nicht, wenn sich die Tänzer eine Stunde und länger wie eine zweibeinige Rechenmaschine durch hochkomplexe Figuren präzise und atemberaubend hindurchzählen, wiederholt sie es noch einmal: „Man muss exakt sein, um frei zu sein.“ 

Text: Arnd Wesemann
Foto: Erik Berg

Corps de Walk
in der Volksbühne,
23.+24.8., 20 Uhr,
Karten-Tel. 24 74 98 80

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