• Kultur
  • „Coup fatal“ im Haus der Berliner Festspiele

Kultur

„Coup fatal“ im Haus der Berliner Festspiele

„Coup fatal“ heißt zu deutsch: Todestoß. Was meint der belgische Starchoreograf Alain Platel mit diesem Titel nur, wenn er mit 13  Mannsbildern aus der Demokratischen Republik Kongo unser Afrikabild bei den Berliner Festspielen hinterfragen will?
Alain Platel ist ins alte Kolonialgebiet des einstigen belgischen Königs Leopold II. gereist, dem Gründer der Stadt Leopoldville im damaligen Belgisch-Kongo. Kinshasa, wie die Stadt heute heißt, gilt als die Metropole mit der schlechtesten Lebensqualität  der Welt. Entsprechend schwer trägt Belgien moralisch an der Kolonialvergangenheit, in der ein König reich wurde durch den Abbau von Kautschuk und die brutale Ausbeutung der Afrikaner. Heute erhalten flämische und wallonische Künstler staatliches Geld, wenn sie sich um die kulturelle Reputation Belgiens im äquatorialen Afrika bemühen.
Alain Platel, dessen „Coup fatal mit dem gut dotierten Flämischen Kulturpreis belohnt wurde, ist 2014 eingereist in die kriegsversehrte Ex-Kolonie. Im Gepäck mit dabei war die Hitliste seines einstigen Königs, Monteverdis „Orfeo“, dazu Barockarien von Händel, Vivaldi und Gluck – alles hinreißend interpretiert vom kongolesischen Countertenor Serge Kakudji. Ebenfalls aus Kinshasa bringt Platel 13 tanzende Musiker mit nach Europa, die als vergnügliche Beat-Boxer und versiert an E-Gitarre und Bongos, ihren African Jazz und Funk mit alteuropäischen Klängen unter Anleitung des belgischen Komponisten Fabrizio Cassol mischen – inklusive Bachs „Wohltemperierten Klavier“, wozu bei der Uraufführung im letzten Jahr am Wiener Burgtheater auch zwei kongolesische Tänzer eng umschlungen mit zwei Europäerinnen im Zuschauerraum tanzen durften.
Es wird also lustig. Zu Afrika gehören, von Kongo bis runter nach Kapstadt, die so genannten Sapeurs, zu deutsch, Dandys, die in ihrer sehr scheckigen Mischung aus bunten Hüten, Krawatten und Anzügen noch heute die Kolonialherren karikieren und mit karnevalesker Übertreibung die Schritte und Haltungen des „feinen Herrn“ der Lächerlichkeit preisgeben. Ein Stück weit täuschen sie so gelackt und geleckt auch über ihr eigenes Elend hinweg und glänzen dabei wie der klackende Bühnenvorhang, gewirkt aus unzähligen Patronenhülsen des kongolesische Künstlers Freddy Tsimba.
Was da an Überlebensfreude über die Bühne tanzt – und Platel ist sich seiner Mittel durchaus bewusst – stößt frontal auf die einst so gepflegte Melancholie der Kolonialbeamten, sobald der Choreograf etwa die Suizid-Arie aus Händels „Tolomeo“ mit der Sexyness afrikanischer Tänzer kollidieren lässt. Der lustige Arme, der frustrierte Reiche – so einfach? Platel reitet ins Land der Verzweiflung am Kongo ein, in Conrads „Herz der Finsternis“, und dieses schmettert mittels 13 knackiger Kerls ein „Grüß Gott, wie geht‘s“ zurück ins Parkett.
Klar, Afrika, das ist eben schlechtes Gewissen, aufgeweicht durch eine modern interpretierte Klassik, so dass der belgische Staat gar nicht anders kann als Platel zu bepreisen für diesen Tanz-Coup, unsere Afrikasehnsucht in die warmen Tücher der europäischen Klassik zu wickeln.

Text: Arnd Wesemann

Foto: Chris Van Der Burght

Haus der Berliner Festspiele So 18.10., Mo 19.10., ?Di., 20.10., 20 Uhr,  ?Karten-Tel. 25489100, ?www.berlinerfestspiele.de

Mehr über Cookies erfahren