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Daniel Barenboim spricht über den Umzug der Staatsoper – Teil 2

Daniel_BarenboimDas erste Werk, das Sie im Schillertheater aufführen, ist Jens Joneleits Oper „Metanoia“. Ist es nicht riskant, mit einer Uraufführung eines relativ jungen, wenig bekannten Komponisten ein neues Haus einzuweihen?
Wenn man etwas tun will, gibt es immer ein Risiko. Würde man ein altes Stück aufführen, bestünde das Risiko von Vergleichsmöglichkeiten. Dieses Risiko gibt es bei einer Uraufführung nicht. Insofern ist es eher weniger Risiko. Die Premiere ist total ausverkauft. Das Publikum hat also Interesse. Jetzt müssen wir auch die anderen Vorstellungen voll kriegen.

Wie sind Sie auf Jens Joneleit gekommen?
Als ich 2006 in Wien den Siemens-Preis erhielt, gab es parallel dazu auch einen Preis für junge Komponisten. Joneleit hatte diesen Preis gewonnen. Er hatte ein Stück geschrieben, das mir gefiel. Ich habe es sogleich bei der Preisverleihung dirigiert. So habe ich ihn kennengelernt. Seine Musik hatte etwas sehr Theatralisches. Deshalb habe ich ihm diesen Auftrag erteilt.

Ursprünglich sollte ja Christoph Schlingensief Regie führen. Das war nun nicht mehr möglich. Sie haben auf einen neuen Regisseur verzichtet. Was bedeutet das für diese Inszenierung?
Die Aufführung war als richtige Schlingensief-Inszenierung geplant. Er ist leider gestorben. Was das Projekt betrifft, ist er viel zu spät gestorben, um jemand mit einer ganz anderen Idee zu finden. Keiner von uns im Team, seine Witwe Aino Laberenz eingeschlossen, wollte daraus eine Gedenkfeier für ihn machen. Deshalb suchten wir einen Weg, seine Impulse und das, was er hinterlassen hat, auf eine ganz andere Art einzurichten. Das haben wir als gemeinsames Projekt umgesetzt.

Was interessiert Sie an Opern-Quereinsteigern wie Christoph Schlingensief oder Heiner Müller, den Sie ja 1993 für „Tristan“  nach Bayreuth geholt haben?
Leute, die immer in die Oper gehen und dann eine Oper inszenieren, sind oft von der Problematik beschränkt, die sie im Betrieb sehen. Leute, die weniger Erfahrungen mit der Oper haben, kommen viel offener zur Sache. Heiner Müller hatte anfangs gezögert, weil er nur so selten in die Oper ging, bescherte uns aber eine legendäre Aufführung. Christoph war ein guter Freund. Ich habe ihn auch menschlich sehr gemocht. Ich glaube, es wäre etwas ganz Besonderes geworden. Jetzt können wir davon nicht mehr träumen, sondern müssen weitermachen. Das wäre wohl auch sein Wunsch gewesen.

Eines Ihrer Projekt ist die „Kinderakademie“. Was haben Sie damit genau vor?
Die Hoffnung für die klassische Musik besteht darin, die Kinder in Kontakt mit ihr zu bringen. Nach der Schule oder nach dem Abitur ist es zu spät. Kinder sind sehr offen für Musik. Man muss sie nur früh genug damit in Berührung bringen. Ich will damit eine Revolution auslösen. Wenn die Kinder mit sechs zur Schule kommen, sollen sie fragen: „Wo ist die Musik?“, weil die Musik schon so ein wichtiger Teil ihres Lebens ist.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie vor einem Orchester stehen und den Taktstock heben?
Man setzt etwas in Bewegung. Es ist ein physikalisches Gesetz, dass etwas sein eigenes Leben entfaltet, sowie es einmal in Bewegung gesetzt ist, egal was man dann damit macht. Das ist auch beim Orchester so. Man animiert etwas. Von diesem Moment an gibt es diesen wunderbaren Dialog zwischen dem, was man noch weiter beitragen will, und der Tatsache, dass es auch von allein geht. Das ist sehr spannend. 

Interview: Wolf Kampmann
Fotos: Monika Rittershaus

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Termine: Metanoia
in der Staatsoper im Schillertheater,
Premiere: So 3.10., 19 Uhr.
Spielplan unter: www.staatsoper-berlin.org

Zur Person

Am 15. November 1942 in Buenos Aires geboren, gab Daniel Barenboim als Achtjähriger 1950 sein erstes Konzert als Pianist. Zwei Jahre später zog seine Familie nach Israel. Ab 1954 nahm er in Salzburg Unterricht als Dirigent. Wilhelm Furtwängler nannte den jungen Barenboim ein Phänomen. In den Fünfzigern spielte er komplette Klavierzyklen von Mozart, Beethoven und Brahms ein. 1966 debütierte er als Dirigent, 1973 dirigierte er in Edinburgh mit „Don Giovanni“ seine erste Oper, 1975 übernahm er von Georg Solti das Orchestre De Paris. Von 1991 bis 2006 war er Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra. Seit 1992 ist er Generalmusik­direktor der Deutschen Staatsoper Berlin und der Staatskapelle Berlin. 2001 sorgte er für einen Eklat, als er in Israel Orchesterauszüge aus Wagners „Tristan und Isolde“ aufführte.

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