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Daniel Barenboim spricht über den Umzug der Staatsoper

Daniel_BarenboimSie sind seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper, jetzt wechselt die Staatsoper für die Zeit der Renovierung ins Schillertheater. Ist das eine große Umstellung?
DANIEL BARENBOIM?Nein. Das größte Fragezeichen war die Akustik. Nach unserem ersten Test im Orchestergraben kann ich aber sagen, es klingt hervorragend. Die Akustik ist ja leider keine exakte Wissenschaft. Der große Komponist und Dirigent Pierre Boulez sagt immer, die Akustik ist wie die Wettervorhersage im Fernsehen. Morgen soll es regnen, doch plötzlich scheint die Sonne oder umgekehrt. Das Orchester und ich sind jedoch sehr glücklich. Wir haben ein wunderbares neues Opernhaus in Berlin.

Wie geht es Ihnen mit dem Schillertheater, seiner Ausstrahlung und dem Ort, an dem es steht?
Wir sind ja nicht für die Ewigkeit hier, sondern nur für die drei Jahre, in der die Staatsoper renoviert wird. Für uns ist das neue Haus eine große Herausforderung, denn es setzt mit seiner Größe andere Maßstäbe. Es befindet sich in einem anderen Teil der Stadt. Über diesen Punkt bin ich sehr glücklich. Berlin braucht wieder eine eigene Identität. Wenn Sie einen Münchner fragen, was für seine Stadt typisch ist, wird er je nach seinem Milieu die Pinakothek oder das Oktoberfest nennen. In anderen Städten ist es genauso. Aber in Berlin führt man immer den „ehemaligen Ostteil“ oder den „ehemaligen Westteil“ der Stadt an. Wir haben die mentale Wiedervereinigung noch nicht vollendet. Deshalb freue ich mich, dass wir jetzt diese Zeit im Schillertheater haben. Mit der Staatsoper haben wir ja nicht unerheblich dazu beigetragen, einen Teil des Publikums aus dem ehemaligen Westen in den Osten zu ziehen. Vielleicht finden wir auch im neuen Haus wieder ein neues Publikum.

Sie engagieren sich mit Ihrem Divan-Orchester, in dem israelische und arabische Musiker zusammenspielen, auch politisch.
Ich habe wenig Kontakte zur Welt der Politik. Aber letzten Monat hatte ich das große Glück, mein 60. Bühnenjubiläum zu feiern. Mein erstes Konzert als Pianist habe ich am 19. August 1950 in Argentinien gegeben. Ich bin erstaunt – das sage ich ohne falsche Bescheidenheit –, dass es nach so vielen Jahren immer noch Menschen gibt, die zu meinen Konzerten und Vorstellungen kommen wollen. Dieses Geschenk verleiht mir nicht nur Rechte, sondern auch Verantwortung. Deswegen sage ich, was ich denke. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass ich aus einer Region komme, die in einem der schrecklichsten Konflikte aller Zeiten steckt. Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern tut mir täglich weh. Ich bin froh, wenn ich mit meiner Stimme etwas sagen kann, das für die Bevölkerung der Region oder auch außerhalb von Interesse ist. Wir brauchen dringend Hilfe. Allein scheinen wir diesen Konflikt nicht lösen zu können.

Was können wir im Alltag und in der Politik von der Musik lernen?
Der große italienische Komponist Busoni sagte, die Musik existiert gleichzeitig außerhalb der Welt und in der Welt. Sie hat schon etwas Elfenbeinturmhaftes, weil man in dieser Klangwelt total von allem anderen abschalten kann. Interessant ist aber auch der Aspekt, in der Welt zu sein. Ich bin schon als Kind aufgetreten und war oft mit der Frage konfrontiert, wie es möglich sei, mit elf oder zwölf Jahren Stücke zu spielen, für die man menschliche Reife braucht. Ein Kind müsse erst mal Lebenserfahrung haben, bevor es musizieren könne. Als ob es nur in diese eine Richtung ginge. Ich glaube, dass es auch den anderen Weg von der Musik ins Leben gibt. Als erfahrener Musiker, der denkt und nicht nur automatisch spielt, kann man viel von der Musik lernen. Als erstes lernt man die Kohabitation zwischen Disziplin und Leidenschaft. Das fällt uns im Leben sehr schwer. Wenn wir Leidenschaft empfinden, wollen wir eigentlich keine Disziplin. Sie können aber nicht nur mit Disziplin oder Leidenschaft musizieren. Man lernt auch viel über Hierarchien, denn es gibt immer eine Hauptstimme, Nebenstimmen und Begleitungen. Ebenso eine permanente Aussage. Es darf in der Musik keine Sekunde ohne Ausdruck geben. All diese Dinge haben mich geprägt. Ich habe von der Musik für mein Leben genauso viel gelernt wie umgekehrt.

Gibt es irgendein Mittel, wie man Routine vermeiden kann, wenn man so lange auf der Bühne steht und viele Stücke schon hundertmal aufgeführt hat?
Die Musik bleibt ja nicht. Sie ist flüchtig. Vielleicht habe ich viel gelernt und ein Stück heute sogar ganz gut gespielt, aber wenn ich es morgen wieder spiele, muss ich bei null anfangen. Der Klang ist weg. Er lebt ja nicht in unserer Welt. Das Tolle an der Musik ist, dass man über die Stücke immer mehr Wissen und Erfahrung anhäuft, aber bei jeder neuen Aufführung bei null anfängt. Was man gestern oder vor zehn Jahren erreicht hat, bleibt nur im Kopf. Die Musik ist hingegen immer neu.

Am 20. und 21. September führen Sie mit der Staatskapelle Ihr moderiertes Boulez-Konzert auf. Wie darf man sich das vorstellen?
Es sind zwei Teile. Der erste Teil besteht aus „Dйrive 1“ für sechs Instrumente mit einer Dauer von sechs Minuten und „Dйrive 2“ für elf Instrumente, das 50 Minuten dauert. Vom Material her ist es das Gleiche, aber es ist so sehr verändert, entwickelt und komplexer gemacht worden, dass ich das gern erläutern möchte. Der zweite Teil besteht aus Klavierstücken von 1945, erst nur für Klavier und dann für ein Riesenorchester orchestriert. Die Orchesterfassung entstand 60 Jahre später. Wie dieser Prozess bei Boulez funktioniert, finde ich hochinteressant. Ich werde versuchen zu zeigen, wie dieses primäre Stück am Klavier zu einem großen Orchesterstück geworden ist.

Gegenüber moderner oder gar zeitgenössischer Musik gibt es ja beim Publikum viele Vorbehalte. Selbst Menschen, die Kandinsky oder Paul Klee lieben, lehnen Schönberg ab, oft ohne ihn je gehört zu haben. Warum ist  es für die Neue Musik schwieriger als für die moderne Kunst, ihr Publikum zu finden?
Instrumentale Musik ist eine geistige Angelegenheit mit großer Physikalität. Man sieht, wie all das physisch funktioniert. Das gibt es in der Malerei nicht. Da ist dort das Bild, und hier stehe ich als Beobachter. Das ist vielleicht leichter zu akzeptieren. Wenn Ihnen in einem Museum ein Bild nicht gefällt, gehen Sie einfach weiter. In der Musik sitzen Sie da, und wenn Ihnen etwas nicht gefällt, müssen Sie die 50 Minuten durchsitzen. Das ist nicht ganz so einfach. Die Musik von heute ist komplexer als vor 100 und 200 Jahren, aber die musikalische Erziehung ist viel ärmer.

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