Science Fiction

„Dark Star“ an der Volksbühne

„Leute, das ist wirklich eine wahnsinnig traurige Geschichte“ – Unendliche Weiten: René Pollesch verabschiedet sich mit „Dark Star“ von der Volksbühne

Foto: Lenore Blievernicht / LSD Berlin

Das war sie jetzt, die allerletzte Volksbühnen-Premiere. René Pollesch benutzt John Carpenters schönen Science-Fiction-Pop-Film „Dark Star“, um sich und das Theater, das ihn und uns geprägt hat, ins All zu schießen. Das war’s gewesen, wie der auch davon nicht zu erschütternde Berliner sagt. Entropie, wir kommen.
Am Ende des Films und des Premierenabends, und damit ja irgendwie auch des Vierteljahrhunderts Volksbühne, stürzen die aus ihrem Mutterschiff wie aus ihren identitätskonstituierenden Zusammenhängen gesprengten Spacecowboys Martin Wuttke, Milan Peschel und Trystan Pütter durchs All. Dunkel ist das Weltall, Genossen, sehr dunkel. Zwanzig Jahre waren sie nach eigenen Angaben in diesem Raumschiff, um ab und zu schöne große Bomben zu werfen. Sie sind nach all den Jahren vielleicht etwas verwahrlost, aber in der ganzen Zeit „sind wir nur um drei Jahre gealtert“. Aber auch das schützt sie nicht vor der finalen Explosion. Einer dieser durch das Nichts trudelnden Überlebenden ist anschließend in einem Eisblock tiefgefroren (vielleicht ein Kritiker), ein anderer wird noch ein paar Jahrtausende lang das Sonnensystem der uns bekannten Theater- und Lebenskünste umkreisen, ein treuer Begleiter in der Ferne.

Nur Christine Groß bleibt vom Schuss ins All verschont, vielleicht weil sie eh schon kraft des eigenen, in ihre Schauspielkünste eingebauten Warp-Antriebs ein wenig über den Dingen schwebt. Zumutungen wie die durch eine Fehlfunktion im Steuerungssystem ausgelöste Sprengung des Mutterschiffs lässt sie einfach an sich abperlen.
Pollesch variiert in dieser Abschiedsinszenierung die Kunst, eine Liebeserklärung zu machen, ohne so verdächtige Vokabeln wie Liebe oder Trauer oder Abschied auszusprechen. Was vermutlich die einzig angemessene Haltung ist, um nicht doch noch kurz vor Feierabend sentimental zu werden.

Die Spielweise setzt in einer Art leichtfüßig ratlosen Zappelns den Stil der ersten beiden Teile von Polleschs Volksbühnen-Diskurs-Trilogie über die Gesetze der Serie fort. Die Drei Amigos des Prequels hat es sozusagen von den Weiten der Prärie in die noch viel weiteren Weiten des Alls verschlagen. Wuttke setzt dieses Zappeln des der Erdung verlustig gegangenen Spiels sehr schön in seinem von vielen Ähhs und verwirrend gesetzten Pausen durchlöcherten Sprachfluss fort. „Leute, Leute, das ist wirklich eine wahnsinnig traurige Geschichte“, fällt ihm einmal ein, aber auf Nachfrage („was denn“), kommt von ihm nur ein stoisches „Hab’ ich vergessen“. Was man natürlich auch als Weigerung verstehen kann, jetzt zu allem Elend nicht auch noch melancholisch zu werden. Lieber reißen die Expeditionsreisenden einen kleinen Baudrillard-Scherz: „Die Spielzeit 17-18 findet nicht statt.“

Für die großen Gefühle sind unter anderem der Prolog und die Beach Boys zuständig, die mit kalifornischem Schmelz singen, nur Gott wüsste, „what I’d be without you“, wobei man das „you“ für sich beim Zuhören natürlich mit „Volksbühne“ übersetzen kann. Dazu schwebt Trystan Pütter auf einem beach-boy-würdigen Surfbrett durch die Lüfte (Bühne: Barbara Steiner), während Martin Wuttke und Milan Peschel in einer dem Carpenter-Filmset entliehenen Glaskapsel durch’s Universum gleiten. Das Sixties-Kalifornien der Beach Boys und der Retrofuturismus des 70er-Jahre-Science Fiction führt zwanglos, aber ziemlich logisch zu Diedrich Diederichsens Lektüren des „Whole Earth“-Katalogs und den Querverbindungen zwischen Hippie-Utopia, endlosen Psychodelia-Innenwelten, „where inside is out and outside is in“, und den realkapitalistischen Zukunfts-Industrien des Silicon Valley, die in ihrer Solutionism-Ideologie weder ein Außen noch so etwas wie von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesetzte Grenzen kennen.

Wie als Gegenpol zu diesem geschichtslosen Techno-Utopia sorgen Einsprengsel des postideologischen Apokalyptikers Boris Groys für die Rückkopplung an die alten Utopien der Unsterblichkeit, aus denen entschlossene Anti-Utopiker den naheliegenden Schluss ziehen, wenn man als neugieriger Mensch schon sterben müsse, sei es das beste und eigentlich nur logisch, den gesamten Planeten oder zumindest die eigene Gattung mit in den Abgrund zu reißen.

Martin Wuttke übernimmt es bei diesem Ausflug ins Hippie-Erbe der IT-Industrie, „die direkte Linie von der Manson Family zu Facebook“ zu ziehen, eine Linie, die man an diesem Abend vom Alle-mit-allen-Vernetzer-Facebook-Business natürlich zum Alle-mit-allen-Vernetzer-Kuratoren-Business weiterziehen kann, bis es nur noch Kuratoren gibt, die drohen, ihre Opfer „weltberühmt“ zu machen, und lauter Plattformen, auf denen Inhalte eher egal sind, solange der Traffic stimmt.
Weil auch dieses Inside sein Outside produziert, merkt Weltraumflotten-Commander Wuttke nüchtern bis zynisch an, „die Trailerparks der Verarmten“ seien ja im Prinzip auch sowas wie „alternative Lebensformen“. In Theaterkennerkreisen darf man auch X-Wohnungen oder Shabby Shabby-Apartment dazu sagen. Das sind nur etwa ein Prozent der Gedanken, die einem an diesem seltsam traurig-gutgelaunten Abend durch den Kopf schießen.

Volksbühne Fr 23.6., 23.59 Uhr, Eintritt 12 – 36, erm. 6 –18 €, Karten-Tel.: 24 06 57 77

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