Theater

14. Diyalog Theaterfest im Ballhaus Naunynstraße

Oggy Niente„Fatih Akin war es“, sagt Mürtüz Yolcu, „der Erfolg seines Films ‚Gegen die Wand‘ hat viel verändert“. Der Erfolg des kleinen, dezidiert postmigrantischen Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße etwa, die Weise, wie sie dort heute Theater machen, glaubt Yolcu, wäre ohne Akins Erfolg vor sechs Jahren wahrscheinlich nicht möglich gewesen. Dass die in Deutschland lebenden Türken auch im hiesigen Kulturleben mitmischen, war längst überfällig, spätestens mit Fatih Akin Film sind die Künstler aus der türkischen Migranten-Community nicht mehr zu übersehen. „Bis dahin hatten wir uns nicht getraut, so direkt von unseren Sehnsüchten, von unseren Konflikten in der Familie zu erzählen“, sagt Mürtüz Yolcu. Der 49-jährige Schauspieler und Festival-Kurator ist deutsch-türkisches Theaterurgestein und Mitbegründer des Diyalog TheaterFests, das jetzt zum vierzehnten Mal im Ballhaus Naunynstraße stattfinden wird. Mit einem Gesicht voller Bartstoppeln sitzt er im Cafe Lucia in der Oranienstraße und gibt offen, aber auch ein wenig belustigt Auskunft. Er hat in Berlin schon Ende der 70er- Jahre Theater gemacht, Jahrzehnte also, bevor türkisches Migranten-Theater hip und vom deutschen Mainstream-Feuilleton entdeckt wurde.

Mürtüz Yolcu erzählt von den Anfangsjahren, als er und seine Theaterfreunde erstmals versuchten, die Erfahrungen des Migrantenlebens auf der Bühne zu verarbeiten. In Geschichten, in denen es etwa darum ging, wie es ist, wenn man einkaufen geht, ohne die Sprache zu beherrschen. Natürlich spielten sie anfangs selbst nur auf Türkisch, denn etwas anderes hätte ihr Publikum nicht verstanden. Schauspielunterricht hatten sie nicht, sie haben sich damals selbst ausgebildet. „Es hat uns Spaß gemacht“, sagt Yolcu, „und unseren Kindern hat es gut getan.“ Auch wenn sein eigener Vater fragte, und sogar noch bis heute fragt, ob er nicht einen Beruf erlernen und endlich mit richtiger Arbeit sein Geld verdienen wolle.

Oggy NienteDie Kinder von Mürtüz Yolcu und seine Freunde sind mit den Proben ihrer Eltern aufgewachsen, die Kinder brachten wieder ihre Freunde mit. Das Theater war ein Freiraum, die Idee von einem anderen Leben, in dem es darum ging, in beide Richtungen freundlich etwas zu spiegeln von dem, was falsch läuft zwischen Deutschen und Türken, zwischen Mehrheitsgesellschaft und Migranten – und was man verändern sollte. „Hier“, sagt Yolcu und tippt im Programmheft stolz auf die Ankündigung von „Sahmaran – Die Schlangenkönigin„, einem Musikabend von Metin und Kemal Kahmaran und Ensemble. Es werden, in eigener Bearbeitung, alte anatolische Weisen zu Gehör gebracht und unterschiedliche Variationen des Märchens von der Schlangenkönigin. Es wird einer der Abende sein, das weiß Yolcu schon jetzt, der die Alten, die erste Generation, ins Haus locken wird. Und am Ende, auch das weiß Yolcu schon, werden sich die Zuschauer Gedanken darüber machen, ob sie sich vielleicht manchmal wirklich zu ungehobelt benehmen und zu laut reden. Denn darum, unter anderem, geht es im Stück.

So etwas amüsiert und begeistert Yolcu. Dinge, die man nicht direkt aussprechen kann, weil das unhöflich wäre und verletzend, gehören für ihn unbedingt auf die Bühne. Er liebt Theater, das in so einem direkten Sinn wirken kann. Und er lebt, zumindest mit einem Fuß, in einer Welt, in der das tatsächlich noch funktioniert. Mürtüz Yolcu sagt auch gerne Dinge, die nicht unbedingt opportun sind. Etwa, dass 2005 die Medienaufmerksamkeit um den „Ehrenmord“ an Hatun Sürücü ebenfalls für ein Umdenken gesorgt hätte. Das zum Beispiel die Gelder für das Ballhaus Naunynstraße sonst vielleicht gar nicht bereitgestellt worden wären: „Durch diesen Mord, dadurch, dass so groß über ihn berichtet wurde, hat man in der Politik erst begriffen, wie wichtig auch eine kulturelle Auseinandersetzung ist.“ In einer bestimmten Szene wird der Medien-Hype um den Sürücü-Mord als Stigmatisierung angesehen. Yolcu sieht das anders. Er sagt gleichzeitig aber auch, dass er böse türkische Väter, die entweder ihre Töchter oder ihre Ehefrauen umbringen wollen, auf der Bühne oder im Film inzwischen nicht mehr ertragen könne. Ja, dass er dann „kotzen könne vor Wut„. Weil durch all die ständigen Wiederholungen und Variationen von diesen bösen türkischen Vätern ein Bild entstanden sei, das mit der Realität nichts zu tun habe. Sein Vater und sein Großvater vor allem, haben etwas anderes gelebt und an ihre Kinder weiter gegeben: Toleranz. „Das habe ich als Vorbild immer vor Augen, wenn ich selbst eine Rolle spiele, wie geduldig er war“, erzählt Yolcu …

Den gesamten Text der tip-Autorin Michaela Schlagenwerth lesen sie in der aktuelen Ausgabe des tip 09/10.

Diyalog Theater Fest bis zum 30. April im Ballhaus Naunynstraße, Naunynstraße 27, Karten unter www.ballhausnaunynstrasse.de
oder Tel. 75 45 37 25

Foto: Ebru Sat, Lutz Knospe

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