Theater

Das Festival „NO LIMITS“ geht ins achte Jahr

HAU_Clara_Andermatt_dancando_com_a_diferenca_rui_hortaVon wegen Nische. Die Kunst Behinderter findet zunehmend prominente Foren. Wie auf der Venedig-Biennale. Oder beim Theatertreffen, wo zuletzt Jйrфme Bel mit seinem „Disabled Theater“ eingeladen war und Julia Häusermann, eine Schauspielerin mit Down-Syndrom, mit dem Alfred-Kerr-Darstellerpreis geehrt wurde. Klar flammen in solchen Zusammenhängen die „Darf man das?“-Diskussionen über Schaulust und Performer-Autonomie auf. Aber die zeigen vor allem: Wenn Behinderte auf der Bühne stehen, kann das Publikum es sich nicht bequem machen. Gut so.

Das Festival NO LIMITS leistet seit acht Jahren hat mit Aufführungen von behinderten und nicht behinderten Künstlern Pionierarbeit. Dieses Jahr zeigt zum Beispiel das niederländische Theater Maatwerk Moliиres „Der Geizige“ als Mafia-Groteske im Rotlicht-Milieu („Im Moulin Rouge“). Mit der deutsch-russischen Gemeinschaftsarbeit „Kroog­ II“ gastiert die erste Produktion Behinderter, die im ausgrenzungsfreudigen Russland im Repertoire eines staatlichen Theaters ist. Und der Mosambikaner Panaibra Gabriel Canda führt in „Borderlines“ Tänzer zusammen, die auf verschiedene Weise vom Bürgerkrieg in ihrer Heimat gezeichnet sind. Um nur einige Höhepunkte zu nennen.

HAU_qualitaetskontrolle_hp2_104_c_CeciliaGlaeskerDie Protagonistin der Produktion „Qualitätskontrolle“ von Rimini Protokoll (Foto rechts) heißt Maria-Cristina Hallwachs und ist vom obersten Halswirbel an gelähmt. Jedes Glas Wasser muss ihr von den Pflegern zum Mund geführt werden. Als 18-Jährig  – während eines Griechenlandurlaubs zur Feier ihres Abiturs – ist sie kopfüber in den Pool der Ferienanlage gesprungen. Auf der Nichtschwimmerseite. Was ihr das Genick brach. „Ist mein Leben lebenswert? Hätte ich mir je vorstellen können, in solcher Abhängigkeit zu sein?“ Diese Fragen bringt Hallwachs auf der Bühne selbst offensiv zur Sprache (9.+10.11., HAU2). Ursprünglich haben die Rimini-Regisseure Helgard Haug und Daniel Wetzel über Pränataldiagnostik recherchiert.

„Wir wollen das Leben kontrollieren, wollen gesunde Kinder und alles Unvorhergesehene ausschließen“, so Haug. „Aber 90 Prozent aller Behinderungen und Erkrankungen sind nicht angeboren.“ Sondern stoßen einem zu. Im Zuge der Recherche trafen Haug und Wetzel auf ihre Protagonistin. Diese bemerkenswerte Frau ist in ihrem Rollstuhl zu erleben, den sie mittels eines Joysticks mit dem Mund bewegt. „Wir leben in einer extrem erfolgsorientierten Gesellschaft“, sagt Haug. „Aber welche Werte bleiben, wenn die Maxime ‚Höher, schneller, weiter‘ wegfällt?“

Text: Patrick Wildermann

Foto: Jъlio Silva Castro (oben), Cecilia Gläsker (Mitte)

No Limits 7.–17.11., HAU, Kulturbrauerei, Ballhaus Ost u.?a., Karten-Tel. 95 62 28 83 (Festival-Büro) oder 25 90 04 27 (HAU), www.no-limits-festival.de

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