Theater

„Das große Buh“ an der Deutschen Oper

Das_grosse_Buh_soundwalk1_8710_ThomasAurinMit etwas Glück kann der Opern-Besuch zum Abenteuer werden. Zum Beispiel, wenn hinter der Deutschen Oper vorsorglich das Einsatzkommando der Polizei postiert ist und drinnen der Dirigent die pöbelnden und trampelnden Störer im Rang bittet, erst mal zuzuhören: „Sonst muss ich Sie jenen anonymen Anrufern zurechnen, die mein Auto demoliert und gedroht haben, mir Vitriol ins Gesicht zu schütten, wenn ich es wagen sollte, die Oper hier zu dirigieren.“ So berichtete der „Spiegel“ 1959 über die Premiere der Zwölfton-Oper „Moses und Aron“ von Arnold Schönberg, die im Eklat unterzugehen drohte. Ein Premierenbesucher, der Komponist und Schönberg-Schüler Hanns Eisler, empfand das als „bestellte, faschistische, antisemitische Provokation“.

In die Protest-Geschichte rund um die Deutsche Oper führt jetzt am Tatort der Soundwalk „Das große Buh“. „Wir haben Interviews geführt mit Menschen, die jahrzehntelang am Haus gearbeitet haben, und uns durch die Archive gewühlt: Was gab es für Skandale und Skandälchen?“, berichtet Regisseurin Dorothea Schroeder. Die Liste ist lang! Ein Politikum war schon die Wiedereröffnung der Westberliner Oper 1961, nur sechs Wochen nach dem Mauerbau, von Willy Brandt als Hoffnungszeichen West gepriesen. 1967, während der Schah von Persien mit Gattin den Besuch der „Zauberflöte“ genießen konnte, wurde der Student Benno Ohnesorg auf einer Demonstration gegen den Staatsbesuch des iranischen Diktators unweit der Oper von einem Polizisten erschossen. 1988 mussten Tausende Polizisten die Türen für die Teilnehmer des Weltbankkongresses sichern, während draußen die Demonstranten „IWF – Mördertreff!“ skandierten.

Und auch die Kunst hat immer mal wieder die Emotionen hochkochen lassen. Ein vielstimmiges Spontan-Buh brach sich zum Beispiel in Hans Neuensfels’ Inzenierung „Die Macht des Schicksals“ Bahn, erzählt Schroeder. Der Grund: über die Bühne rollende Pappmaschee-Panzer und mit Krücken kämpfende Greise statt strahlender Helden.

Mit dem „Großen Buh“ widmet sich die Regisseurin dem Soundtrack der Protestkultur in szenischen Hörstücken. Das Kopfhörer tragende Publikum wird um und durch die Oper geführt – an die Schauplätze des Tumults.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Thomas Aurin

Das Große Buh Deutsche Oper, Mi 11. bis Mo 16. Juni, 19 Uhr, Karten-Tel: 34 38 43 43

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