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Das Jahrbuch von „Theater heute“ sucht nach Utopien

Das Jahrbuch von

Die Redaktion der Fachzeitschrift „Theater heute“ hatte für ihr opulentes Jahrbuch zum Spielzeitauftakt eine hübsche Idee: Sie hat 25 Theaterkünstler nach ihrem Traum vom idealen Theater gefragt, schließlich ist der real existierende Theaterbetrieb erstens nur eine Möglichkeit und zweitens jederzeit verbesserungsfähig.
Geantwortet haben eigensinnige Schauspieler wie Bettina Hoppe oder Fabian Hinrichs, die sich ohnehin schon lange nicht mehr als fügsame Bühnendienstleister verstehen, kluge Intendanten wie die HAU-Chefin Annemie Vanackere oder der Leiter der Münchner Kammerspiele Johan Simons, die Berliner Performer von She She Pop und Regisseure, die ihr Theater immer neu erfinden wie Susanne Kennedy (demnächst am Gorki Theater) oder Stephan Kimmig vom Deutschen Theater.
Die Frage nach dem Traum vom idealen Theater ist natürlich hinterhältig, schon weil jede ehrliche Antwort im Umkehrschluss da­rauf verweist, was heute und hier so alles fehlt. Sehr schön ist Johan Simons Entwurf eines anderen Theaters: „Ich möchte ein Theater aus Glas haben, mitten in der Stadt. Wenn man auf der Straße vorbeiläuft, kann man reinschauen und sehen, wie geprobt wird. An manchen Probentagen ist die Fassade geöffnet und Passanten können reinkommen. In ein Theater aus Glas zieht man die Realität herein. Stadtbewohner sehen die Schauspieler, die Schauspieler sehen die Stadt. Das Theater aus Glas ist ein zeitgenössischer Turm zu Babel.“ Klingt super, aber auch schrecklich anstrengend, wie alle Utopien.
Am besten gelaunt und schön offensiv ist die Antwort des Schauspielers Aleksander Radenkovic aus dem Ensemble des Maxim Gorki Theaters: „Ich will, dass mein Theater eine Haltung hat, eine Position einnimmt, auch wenn sie unangenehm, vielleicht zu laut, für manchen zu eindimensional scheint“, schreibt Aleksander Radenkovic. „Ich will mich zugehörig fühlen, mich breit machen in der Gesellschaft, und ich will mich ärgern, streiten und auseinandersetzen, meine eigenen Widersprüche überwinden, auf der Bühne gratwandern zwischen Person und Fiktion. Angstlos. Vielleicht braucht es außerdem neue Geschichten, Geschichten, die viel mehr von uns erzählen, die im Vergleich (zu Klassikern) sicherlich kurzlebiger sind, aber leben wir nicht auch n einer viel kurzlebigeren Zeit? Am Gorki erfahre ich, dass die Sehnsucht danach ungebrochen ist.“ Ab und zu werden vielleicht sogar Utopien wahr, zumindest für einen Moment.

Theater heute ?Jahrbuch 2014 ?200 S., 29,50 Euro

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