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„Das Käthchen von Heilbronn“ im Deutschen Theater

KaetchenVonHeilbronnZumindest in kunstgewerblicher Hinsicht markiert Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Kleists „Käthchen von Heilbronn“ am Deutschen Theater einen Höhepunkt des zu Ende gehenden Kleist-Jahres (und einen Tiefpunkt im Spielplan des Deutschen Theaters). Der DT-Hausregisseur, gefürchtet für seine an inhaltlichen Auseinandersetzungen mit den inszenierten Texten recht desinteressierten Kitsch-Regiekünste, setzt auch an diesem Abend auf die dekorative Oberfläche und einen kuscheligen Nostalgiefaktor. Die sechs Darsteller im altväterlichen Gehrock hat es an hölzerne Schreibpulte in einer rustikal mit Holzpaneelen geschmückte Stube verschlagen, deren Wände ringsum mit eng beschriebenen Manuskriptseiten tapeziert sind (Bühne: ebenfalls kein Geringerer als Andreas Kriegenburg). Diese Puppenstuben-Version einer Gelehrten- und Schreibklause aus dem 18. Jahrhundert soll wohl so etwas wie die Dichterzelle, vielleicht auch das Gehirn des Dichters Heinrich von Kleist, sein. Ob im Folgenden er seine Figuren träumt, ob wir den Zetteln beim Träumen zusehen, bleibt diffus, ist aber eigentlich auch egal, wie an diesem Abend jenseits der putzigen Bildoberfläche alles egal ist.

Wir sehen, wie Judith Hofmann, Barbara Heynen, Elias Arens, Ale­xander Khuon, Jörg Pose und leider auch der in der Manier des Knatterns über die Maßen versierte Markwart Müller-Elmau sich als Kleist-Doubles mit Feder und Tinte über das Papier beugen und an ihren Werken kritzeln, einander neckisch anfeuern oder sich im Selbstgespräch einfach nur wundern: „Heinrich, mir scheint alles sehr gespenstisch.“ Dazwischen zitieren sie aus fiktiven Briefen Kleists an seine Schwester oder seine Verlobte, was aber auch nicht wesentlich dazu beiträgt, hinter den munteren Gehrockträgern mit ihren weiß geschminkten Gesichtern so etwas wie eine Charakterphysiognomie des Dichters zu erkennen. Vermutlich ist es lustig gemeint, wenn Ale­xander Khuon, ein sonst oft erfreulicher Schau­spieler, der sich hier mit routiniertem Dauer­lächeln über den Abend charmiert, eine an die Wand gelehnte Leiter hochklettert, um dann auszurufen: „Ich habe mich verstiegen.“

Haha! So armselig wie dieser Humor ist der szenische Süßstoff, den Kriegenburg für Poesie zu halten scheint und über die gesamte Veranstaltung kippt. Den Selbstmörder Kleist, den Autor einiger der schrecklichsten wie faszinierendsten Dichtungen deutscher Sprache, verkitscht und verkleinert Kriegenburgs Zuckerbäckerregie zum lustig-seltsamen Kauz, der sinnfrei versechsfacht mal verwundert, mal entrückt, aber immer niedlich aus der hübsch altmodischen Wäsche guckt. Dass einen Dichter ernst zu nehmen auch bedeuten kann, vor seinem Werk zu erschrecken, ist ein bei Kleist so naheliegender Gedanke, dass auch DT-Dramaturgen darauf kommen könnten. Aber Kriegenburgs Publikum muss nicht befürchten, von diesem (oder irgendeinem anderen) Gedanken behelligt und um den wohligen Dämmer im Parkett gebracht zu werden. Das Werk, an dem der Kauz im Gehrock schreibt, ist offenbar „Das Käthchen von Heilbronn“, in dessen Figuren sich die Kleist-Doubles dann auch abwechselnd verwandeln. Spätestens, wenn die zwei Damen und vier Herren in Schwarz reihum ein weißes Kleid überstülpen, um dann jeweils für einige Takte in die Rolle Käthchens zu schlüpfen, ist die Grenze zum Schabernack zielsicher erreicht.

KaetchenVonHeilbronnDie Vermutung, dass wir es bei „Käthchen“ mit einem durchaus beunruhigenden Stück zu tun haben, in dem es zum Beispiel darum geht, wie ein Mensch aus sämtlichen Ordnungen der Welt fällt und, gefährlich für sich selbst und andere, einzig den eigenen Träumen und Gefühlen folgt, lässt die Inszenierung nicht aufkommen. Weil die Strichfassung leider so konfus und die Spielweise alles andere als präzise ist, dürften Zuschauer, die das Stück nicht gut kennen, Mühe haben, dem so zufälligen wie ziellosen Ineinanderkippen der Erzählebenen zwischen Kleists Dichterstube und der Käthchen-Romanze zu folgen. Weil also weder der sechsfache Kleist noch die Figuren seines Stückes Konturen entwickeln, kann sich die Regie ganz dem selbstverliebten Spiel mit den aparten Oberflächenreizen hingeben, ohne von Kleists sexuell aufgeladenen, somnambulen Kindheitsschrecken- und Märchengestalten dabei gestört zu werden. Sie sind der Regie ohnehin nur Vorwand, nicht Anlass für ihre Kitsch-Effekte.

Als wollte sich Kriegenburg um eine Gastregie bei der Augsburger Puppenkiste (die wir ihm von Herzen gönnen würden) bewerben, lässt er Käth­chen mal als pausbäckige Käthe-Kruse-Puppe, mal als Handpuppe oder mit großem Pappmascheekopf auftreten. Niedlich! Das ist, wie die gesamte peinliche Veranstaltung, fürchterlich süß und damit so etwa das genaue Gegenteil von Kleist. Bleibt die Frage, was man sich am Deutschen Theater von solch offensivem Verzicht auf jeden Anspruch jenseits einer etwas klebrigen Gefälligkeitsästhetik verspricht. Nichts gegen ehrliches Kunstgewerbe, aber ein BE in Berlin reicht völlig.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Ärgerlich

Termine: Das Käthchen von Heilbronn
im Deutschen Theater

Karten-Tel. 28 44 12 25

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