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„Das Käthchen von Heilbronn“ im Maxim Gorki Theater

KaethchenVonHeilbronn„Das Käthchen von Heilbronn“ ist für psychologische Realisten schwer zu verkraften: Vier Akte lang betätigt sich die 15-jährige Waffenschmiedstochter als devote Stalkerin. Davon, dass der Mann, dem sie auf Schritt und Tritt an den Fersen klebt, Graf Wetter vom Strahl, sie wiederholt in Grund und Boden brüllt und gelegentlich sogar mit der Peitsche hantiert, lässt sich die junge Schwäbin kein bisschen beeindrucken. Ihre servile Güte geht sogar so weit, dass sie für die Verlobte ihres Angebeteten, die intrigante Blaublüterin Kunigunde von Thurneck, in brennende Burgen einsteigt, um vermeintliche Devotionalien aus dem Feuer zu retten. Kurz: „Das Käthchen von Heilbronn“ verfügt über einen so wahnwitzig ungetrübten Zugang zu ihrem Unbewussten, dass sie dem Grafen allen Misshandlungen zum Trotz seelenruhig ins Gesicht sagen kann, was ihr ein denkwürdiger Traum prophezeite: „Zu Ostern, übers Jahr, wirst du mich heuern.“ Logisch, dass sie gegen Ende des fünften Akts Recht behalten wird.

Wie grandios es sich an Heinrich von Kleists „Käthchen“, dieser personifizierten Idealität, Unschuld und Ungebrochenheit, scheitern lässt, haben bereits eine ganze Reihe von Regisseuren eindrucksvoll bewiesen. Jan Bosse, der intelligente Klassiker-Exeget und –Vergegenwärtiger, demonstriert nun in seiner Inszenierung zum Auftakt des Kleist-Festivals im Maxim Gorki Theater zunächst einmal ein erfreuliches Problembewusstsein für all die Klippen und Hinterhalte des Textes: Bloß nicht einkitschen! Bloß nicht die Protagonistin kleinpsychologisieren! Bloß nicht in die Pathosfalle tappen! Das ruft sein dreieinhalbstündiger Abend quasi aus jeder Pore. Nur leider findet er aus dieser durchdachten Vermeidungshaltung heraus nicht zwangsläufig zu einer überzeugenden Form.

Damit allzu staatstragender Ernsthaftigkeitsverdacht gar nicht erst aufkommt angesichts dieses „großen historischen Ritterschauspiels“, das Kleist im Untertitel beschwört, schreitet Joachim Meyerhoff als Graf Wetter vom Strahl in einer scheppernden Rüstung übers Szenario, die die Kollegen gern auch mal als Schlagzeug benutzen, und offenbart im Übrigen einen schön prolligen Drive, der hervorragend zu seiner dünnsträhnigen blonden Langhaarfrisur passt. Frau von Thurn­eck (Sabine Waibel) zickt, ludert und hysterisiert sich mit ebenso deutlichen Ironiesignalen in golddurchwirkten Ganzkörperkunstwerken durch die ersten drei Akte und wechselt dabei häufig ihre Haarfarbe. So illustres Nebenpersonal wie Ritter, Pferde, der Kaiser, der Cherub, der Käthchen aus dem Feuer rettet, und anderes Fußvolk werden von den Prenzlauer-Berg-Puppenspielanarchos Das Helmi in bewusst kindergeburtstagsaffinen Schaumgummi-Knautschgesichtern entsorgt. Und ist jemand nötig, der das unbeirrbare Kind über hinderliche Gewässer trägt, schießt der Zauberdrache Fuchur aus Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ aus der Kulisse.

Bosses Plan ist klar: Die abgefeimte, nichtsgläubige und flächendeckend im Zeitalter der Ironie gestrandete Rittergesellschaft soll im maximalen Kontrast zur transzendenten, buchstäblich außerirdischen Reinheitsfigur Käth­chen (Anne Müller) stehen – und sich von dieser zunehmend irritieren und affizieren lassen, weshalb der Abend auch immer ernsthafter und das Personal entsprechend ungepanzerter wird. Aber die Gleichung geht nicht auf: Bosses Ritterfarce bleibt im Komödiantischen einfach zu kindisch und schmerzfrei, um zu gegebener Zeit tatsächlich Kleist’sches Schwergewicht erreichen zu können.

Text: Christine Wahl

Foto: Bettina Stoess

tip-Bewertung: Zwiespältig

Das Käthchen von Heilbronn Maxim Gorki Theater, Di 6., Mi 21.12., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15

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