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Das Knall­­t­rauma – Beate Zschäpe

Benjamin und Dominik Reding

Noch eine Absage. Noch eine. Und noch eine. Es hört nicht auf. Die Brüder verstehen die Welt nicht mehr. Es waren doch mehrere verdammte Schüsse.
Er dachte, ihr Projekt wäre ein Selbstläufer, ringt sich der Ältere der beiden, Dominik Reding, ab. Schnell zu realisierten. Sein Blick ist dabei starr nach unten gerichtet. Als gäbe es auf der Glastischplatte ihres Neuköllner Büros einen Spickzettel mit trüben Gedanken. Gedanken über ihr  Theaterstück „NSU for You!“. Einen Einakter, ein „Abend mit Beate“.
Beate ist Beate Zschäpe. Die mutmaßlich einzige Überlebende der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund NSU, die seit zweieinhalb Jahre vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München der Mittäterschaft an zehn Morden angeklagt wird. Und die am Silvesterabend des Jahres 1996, so erzählen es die beiden Filmemacher Dominik und Benjamin Reding,  ein paar Tische entfernt von ihnen in der Mitropa-Gaststätte des Erfurter Hauptbahnhofs gesessen habe. Mit zwei jungen Männern. Alle drei in Bomberjacken. Kurz darauf fielen draußen, auf dem Bahnsteig, die Pistolenschüsse.
Hart im Nehmen sind sie ja, die Gebrüder Reding. Zwillinge, geboren vor 46 Jahren und neun Monaten in Dortmund . Einzelkämpfer im Doppelpack, die dorthin gehen, wo es wehtut. Früher, als Punks, waren sie oft auf Skinhead-Konzerten. Damals, in den Neunzigern, als sie in der rechten Szene für ihren ziemlich verstörenden, vielfach ausgezeichneten Film „Oi! Warning“ recherchierten, wo sich harte Männer küssten und ein Skinhead einen Punk mit einem „Bordsteinkick“ tot trat. Bekamen, als der Film 2000 in den Kinos lief, von rechten Skins in Berlin auf die Fresse – Schneidezähne raus (Dominik), Nasenbein gebrochen (Benjamin). Wurden in Jena nach einer Filmaufführung durch die Saale-Stadt gejagt, danach brach der Verleih entsetzt die Kinotour durch den Osten ab.
Die Redings nehmen die Dinge ernst. Sehr ernst. Erst recht, wenn jemand auf sie schießt. Den Schützen würden sie erst 15 Jahre später „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ als Uwe Bönhardt identifizieren, seinen Begleiter als Uwe Mundlos, und die Frau als Beate Zschäpe. An diesem Silvesterabend 1996 waren es noch fast vier Jahre bis zum ersten NSU-Mord am Blumenhändler Enver ?im?ek in Nürnberg.
„Wir sahen damals punkiger als heute aus“, sagt Benjamin Reding. Die beiden wollten zu einer Silversterfeier nach Ilmenau. Stiegen in Erfurt um. Hatten 20 Minuten Zeit. Setzten sich in die Mitropa. Sahen ein paar Tische weiter das Trio beim Bier, leise redend, angespannt. Einer kam rüber. „Herr Mundlos“, steht in Dominik Redings Zeugenaussage, die er Ende 2012 beim Bundeskriminalamt macht. Dieser „Herr Mundlos“ tippte auf einen Aufnäher aus Dominiks Jacke. Das „Oi“-Symbol. Was das sein solle. Ging zurück. Die Redings hatten ein komisches Gefühl. Raus. Durch die Mitropa-Tür, dann rechts zum Zug. Da knallte es hinter ihnen. Mehrere Male. „Lauf, lauf! Die schießen!“, rief Benjamin noch. Rein in den Zug. Und weg.
Sie hätten gleich zur Polizei gehen können. Wagten es nicht. Da war die Angst, in der rechten Szene aufzufallen. Weil sie doch damals dort wegen der „Oi!Warning“ -Recherchen viel unterwegs waren. Erst als die Terrorzelle 2011 auffliegt, Mundlos und Böhnhardt tot sind, gehen sie zur Polizei. Es gibt Interviews, Artikel, sogar  einen „Tagesschau“-Bericht. „Vierte Meldung!“, sagt Benjamin Reding im Büro.
Ermittlungen werden die Schießerei bestätigen. Die Staatsanwaltschaft Erfurt stellt  das Verfahren aber ein. „Ich bin Filmregisseur, ich merke mir Leute“,  sagt Dominik Reding. „Diese Frau hat eine sehr eigene Motorik.“ Beate Zschäpe sei „unique“. Das sagt er  zwei-, drei, viermal.
Ihr Stück-Konzept platziert Beate in ihrem „Zwickauer Kämmerlein“. Wo sie auf ihre Lebensabschnittspartner wartet, die draußen „Männersachen“ tun, dem Publikum Schweinshaxe nach Thüringer Art anbietet – und eine bizarre Gameshow veranstaltet. Eben „NSU for You!“. „Es geht nicht ums Nachinszenieren von Geschichte“, sagt Dominik Reding mit Verve. „Frau Zschäpe 70 Minuten auf der Bühne: Das muss auche einen Typen aus Hoyerswerder noch erreichen.“ Und: „Das Böse darf nicht nur das Böse sein. Das Böse muss schillern.“  Schließlich: „Ich weiß, wie die tickt!“ Fast beschwörend sagt er das.
Eine Weile war übrigens auch mal Sibel Kekelli für die Hauptrolle im Gespräch. Benjamin Reding sitzt daneben, blickt seinen Bruder an, lässt ihn meist reden. Vor sich einen Ordner. Darin sind die Schriftwechsel abgeheftet. Fein säuberlich. Projektanträge bei vielen Einrichtungen. Manchmal Absagen. Oder nicht mal das. Einfach nur Schweigen auf ihre Schreiben. Es ist ein dicker Ordner. Ein knappes Dutzend Bühnen für das Stück, diverse Sender und Fördereinrichtungen für ein daraus entwickeltes Filmprojekt. Nichts.
Bei der  Schaubühne am Lehniner Platz meinte man 2013 beispielsweise, der „NSU-Komplex“ bräuchte etwas „Abstand von der ,Gegenwart‘. Der Südwestfunk verwies auf einen Dreiteiler, den die ARD zur NSU für Anfang nächsten Jahres plane: „Damit ist das Thema bei uns umfänglich in Arbeit.“ Und Gebhard Henke, Programmbereichsleiter beim Westdeutschen Rundfunk, riet ihnen, „diese Geschichte wäre auf der Bühne besser aufgehoben.“
Der Filmhistoriker Hans Helmut Prinzler, bis Anfang 2014 Kurator beim Hauptstadtkulturfonds,  hat zwischendurch mal versucht, den Brüdern Kontakte zu vermitteln: „Ich traue den beiden viel zu“, sagt er. Vielleicht, mutmaßt Prinzler, hätten ihnen die nötigen Kommunikationsstränge in die Kulturszene hinein gefehlt. „Sie gehen ihre ganz eigenen Wege“, sagt er. „Ich bewundere das auch.“
In der Zeitschrift „Kulturspiegel“ tauchte Anfang vergangenen Jahres in einer Liste mit NSU-Stücken an deutschen Bühnen tatsächlich auch „NSU for You!“ auf, angekündigt für den Oktober des Jahres 2014 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Es habe Treffen gegeben, bestätigt der DT-Intendant Ulrich Khuon. „Aber es war ein Paket mit zu vielen Fragezeichen bei gleichzeitiger Sympathie für die beiden Autoren.“ Die Figur der Beate Zschäpe sei eine „hochtheatralische Figur“, findet Khuon: „Mir wäre es aber Recht gewesen, die Redings wären in ihrem Text noch einen Schritt weiter gegangen.“
Am Ende eines langen Gesprächs im Neuköllner Büro sagt Dominik Reding, er sei immer noch „fassungslos, dass wir dieses Stück nicht machen können“. Dann, leiser: „Die haben auf uns geschossen. Nur deswegen machen wir das.“ Schließlich, ganz leise: „Dass es kein NSU-Stück von einem NSU-Opfer geben soll, finde ich krass.“ Er schaut zu seinem Bruder Benjamin rüber. Und der nickt.

Text:
Erik Heier

Foto:
David von Becker

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