Theater

Das Kohlhaas-Prinzip im Maxim-Gorki-Theater

Das Kohlhaas-Prinzip

Die israelische Regisseurin Yael Ronen spielt in ihren Inszenierungen raffiniert und ziemlich komisch damit, den Sicherheitsabstand zwischen Schauspieler und Bühnenfigur und damit zwischen Bühnengeschehen und echtem Leben zum Verschwinden zu bringen. In ihrer neuen Inszenierung am Maxim Gorki Theater sind die autobiographischen Wirklichkeitseinsprengsel denkbar trivial. Zum Einstieg machen sich die Schauspieler unter Verwendung ihrer Vornamen ausgiebig über schauspielerische Eitelkeiten und die Konkurrenz im Ensemble lustig – inklusive der größeren Sinnfragen: „Ich bin der Dimitrij, ich werde auch bald 50. Ich stelle mir immer öfter die Frage, ob ich das Beste daraus mache. Schauspielerisch bin ich der Hammer!“
Ist der Abend nach diesem fröhlichen Vorspiel erst auf Unterhaltungsfreuden runtergedimmt, kann Ronen Heinrich von Kleists Novelle über Michael Kohlhaas, den Amokläufer der Gerechtigkeit, „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, umstandslos von der Mitte des 16. Jahrhunderts in das Mitte-Berlin von heute versetzen. Aus dem Pferdehändler Kohlhaas ist ein Konstrukteur von E-Bikes geworden. Thomas Wodianka zeigt ihn als Öko-Rechthaber und Moralist der verstockteren Sorte. An den schlechten Manieren der Oberschicht hat sich in Ronens Berlin seit dem 16. Jahrhundert bedauernswert wenig geändert. Der Kohlhaas-Fahrradfahrer gerät nicht wie sein literarisch-historischer Vorläufer an einen Raubritter von Burgvogt, sondern an den Fahrer einer gepanzerten Limousine, der Fahrradfahrer für Verkehrshindernisse hält und auch so behandelt. Wie es sich im typenseligen Boulevardtheater gehört, gibt Dimitrij Schaad – der Mann, der uns im Prolog so großzügig an seiner beginnenden Midlife-Krise Anteil haben ließ – den Limousinenbesitzer als Yuppie mit Breitwandgrinsen, eine wie von Grosz gezeichnete Schnösel-Visage. Das ist reichlich platt, genau wie der Versuch, die Klassengesellschaft im Straßenverkehr zu entdecken oder den Rechtsstaat mit feudalen Herrschaftsverhältnissen zu verwechseln. Aber weil Schaad und Wodianka ihre Figuren leichtfüßig und lässig als Karikaturen zeichnen, lassen sie erst gar nicht erst die Vermutung aufkommen, hier ginge es um etwas anderes als Klischee-Bebilderung, der Kleist höchstens als Stofflieferant dient. Zwecks internationaler Perspektive wird die Geschichte eines von israelischen Soldaten schikanierten, palästinensischen Käsehändlers (Taner ?ahintürk) einigermaßen zweckfrei einmontiert.
Von Kleists Paradox, dass Kohlhass die Ordnung der Welt oder zumindest des Rechts mit einem Privatkrieg wiederherstellen will, dass er also im Namen der Ordnung alle Ordnung zerstört, bleiben nur wohlig-ausgemalte Aufstandsfantasien übrig. Spätestens wenn das Kreativ-Yuppie-Hotel Soho House brennt und im Restaurant Borchardt Bombenexplosionen den Besserverdienenden den Appetit verderben, darf sich der Amokläufer Kohlhaas der allgemeinen Sympathie des Gorki-Publikums gewiss sein. Die Inszenierung gibt sich diffus radikal, bedient aber nur die üblichen Ressentiments. Dass der Abend trotzdem als gekonnt inszenierte Farce, als fröhlicher Klassenkampf-Boulevard funktioniert, verdankt er der tollen Spielfreude der Schauspieler.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Ute Langkafel / MAIFOTO

Das Kohlhaas-Prinzip, Maxim Gorki Theater, Karten-Tel. 20 22 11 15

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