Theater

Das Maxim Gorki Theater

Radenkovi?, Lohse, ?ahintürk: Die Besetzungszettel am Maxim Gorki Theater lesen sich wie die Aufstellungen europäischer Spitzenfußballclubs. War aber auch höchste Zeit, dass das Theater von der Champions League lernt! Die ist in puncto interkultureller Besetzungspolitik wesentlich offener als die hiesigen Hochkulturbühnen. Shermin Langhoff, die letzten Herbst das Berliner Maxim Gorki Theater übernahm, ist die erste Intendantin mit türkischen Wurzeln an einem deutschen Stadttheater überhaupt. Entsprechend hoch steht das Haus im Aufmerksamkeitskurs: Die neue Chefin hat ein tolles Schauspieler-Ensemble versammelt, in dem sich in spitzensportlicher Selbstverständlichkeit russische, serbische, türkische, sächsische oder friesische „Mi­grationshintergründe“ mischen.
„Damit, dass so schnell so vieles gelingt, hatte ich wirklich nicht gerechnet“, sagt der Ko-Intendant Jens Hillje im Rückblick auf die erste Saison. Nach dem Startschuss im November waren drei Monate lang nahezu alle Vorstellungen ausverkauft. Insgesamt vermeldet Hillje eine 89-prozentige Auslastung – und kann sich dabei über ein für die Branche außergewöhnlich „heterogenes Publikum“ freuen: Im Gorki-Foyer lehnt der Mitte-Hipster neben dem pensionierten Deutschlehrer am Tresen; die queere Community mischt sich mit altem Gorki-Stamm­publikum und Kreuzberger Partyvolk. „Das Publikum ist vor allem begeistert von der inhaltlichen Relevanz und der Direktheit in der Spielweise“, erklärt sich Hillje den gewaltigen Zuspruch, „weil die Schauspieler und Performer viel mit Eigenem umgehen.“

Biografisches Material

In „Common Ground“ zum Beispiel, einem der großen Zuschauerhits der ersten Gorki-Spielzeit, setzen sich junge Schauspieler, die in Zagreb, Belgrad oder Novi Sad geboren wurden und heute in Berlin leben, so klug wie persönlich mit den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien zwischen 1991 und 2001 auseinander. Auch der zweite Publikumsrenner, Falk Richters Coming-out-Abend „Small Town Boy“ über Klein­stadtherkünfte und Geschlechter­identitätsfragen, arbeitet mit biografischem Material der Schauspieler. Und sorgt schon deshalb für Aufsehen, weil er mit einem der meistdiskutierten Monologe der Saison endet: „Ich versuche mal was“, setzt der Schauspieler Thomas Wodianka da zu einer zwanzigminütigen Wutrede an, und zieht gegen das „menschenverachtende Diktatorenschwein“ Putin und dessen homosexuellenfeindliche Politik zu Felde oder wirft der CDU-Menschenrechtsbeauftragten Erika Steinbach vor, sich „in den gedanklichen Diskursgrenzen von 1937“ zu bewegen und im Übrigen „seit Jahrzehnten kinderlos“ zu sein „wie Angela Merkel“. Ob es sich hier um luzide Biologismus-Kritik handelt oder aber um eine Peinlichkeit, oder ob einfach nur sperrangelweit offene Türen eingerannt werden, ist die Frage. Und genau das sorgt für lebhafte Debatten. Das muss ein Theater erst mal schaffen.
Nicht, dass es am neuen Gorki nicht auch Reinfälle gegeben hätte. Lukas Langhoffs konfuse Nicht-Inszenierung „Die Übergangsgesellschaft“ dürfte eine der überflüssigsten Produk­tionen der Saison sein. Aber das Gros der Abende war interessant, weil das Haus sein Grundthema, die Auseinandersetzung mit Identität, Abgrenzungs-, Ausschlussmechanismen, inhaltlich wie ästhetisch wohltuend breit aufgefächert und aus denkbar unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet hat.

Identitätskonstruktionen

Der Umgang mit dem Eigenen war für den Anfang eine gute Setzung“, resümiert Jens Hillje. Für die nächste Saison spricht er von einer „Ausdehnung des Forschungsgebiets“. Im Oktober steht ein echter Kanon-Klassiker auf dem Plan: „Wenn sich Sebastian Nübling mit den „Nibelungen“ den deutschen Nationalmythos schlechthin vornimmt“, so Hillje, „geht es auch um andere Fragen von Identität: Was bedeutet Deutschsein, Brunhildsein, Siegfriedsein?“
Letzteres ist nicht nur, aber auch gendertechnisch gemeint: Das Gorki führt seine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen­identitäten fort und lässt Nübling zum Saisonauftakt Mitte September unter dem Motto „Fallen“ schon mal zehn junge Männer auf 70 Tonnen Sand vor dem Gorki choreografisch Männlichkeitsentwürfe hinterfragen. Und die israelische Regisseurin Yael Ronen bündelt in der zweiten Saison-Eröffnungspremiere die Beziehungsvielfalt, die sie nach ihrem Umzug in Berlin kennengelernt hat, in dem niederschmetternden Motto „Erotic Crises“: nicht unbedingt erbaulich, aber vermutlich sehenswert!

Text: Christine Wahl

Foto: Thomas Aurin

Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2, Mitte, gorki.de

Common Ground
Sa 06., 16., 21., 29.09, 19.30 Uhr
Karten-Tel. 20 22 11 15
Karten ab 10 Ђ

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