Theater

Das Prime Time Theater in Berlin-Wedding

Prime Time Theater

Manchmal dauern gute Entscheidungen etwas länger. Besonders wenn die Entscheidungen in großen, komplizierten Unternehmen fallen. Zum Beispiel im Berliner ARD-Sender rbb. Dagmar Reim, die rbb-Intendantin, sagte vor Kurzem, sie würde sich freuen, „wenn es uns endlich gelänge, die Theater-Sitcom ,Gutes Wedding, schlechtes Wedding‘ in unser Programm zu holen“. Gute Idee. Die Sitcom des Prime Time Theaters ist eine der lustigsten Produktionen, die man derzeit auf einer Berliner Bühne sehen kann. Und die Weiterentwicklung im Fernsehen bietet sich an. Schließlich plündern die Theatermacher in ihrer Serie „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ mit Karacho und Intelligenz Fernsehformate. Seit gut 10 Jahren kann man in diesem nicht übertrieben subtilen, aber ausgesprochen menschenfreundlichen Volkstheater sehen, wie Berlin so tickt. Ende Juli hat Folge 93 Premiere: „Dark Wedding“.
Weil die Boulevard-Profis die Milieus genau kennen, entsteht ein Berliner Mikrokosmos, eine Art Stadtsoziologie mit Mitteln des Entertainments. Ein „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“-Fernsehformat wäre ein guter Grund, dem rbb die Alimentierung mit Rundfunkgebühren zu gönnen.
Prime Time TheaterGanz neu ist Dagmars Reims Idee nicht. Genau genommen reden die Theatermacher und der rbb seit gut anderthalb Jahren miteinander, ohne dass bislang eine Entscheidung gefallen wäre. An den Theatermachern lag das offenbar nicht. Sie würden das Medium, das sie so gekonnt travestieren, gerne bespielen. Dass Reim Ende Juni in einem Interview ihre Sympathie für das Prime Time Theater kundtat, demonstriert immerhin guten Willen. Und vielleicht auch den Wunsch, ihren Sender etwas moderner erscheinen zu lassen, als er ist. Schade, dass die Gespräche mit dem rbb bislang trotzdem nicht vorankommen. Und weil auch andere Sender nach Sitcom-Ideen suchen, könnte es, wenn Dagmar Reim und ihre Leute weiter unter öffentlich-rechtlicher Entschlussunfähigkeit leiden, vor allem für den rbb schade sein.
Zu den vielen Verdiensten des Prime Time Theaters zählt es, seit seiner Gründung Hipster zu schmähen – dabei gab es damals noch gar keine Hipster! Auf der Prime-Time-Bühne hießen die Szene-Schnösel kurz und mitleidlos „Prenzlwichser“. „Wir alle kennen solche Typen, denen wollten wir den Spiegel vorhalten“, sagt Oliver Tautorat, Schauspieler, ?Mitgründer und Intendant des Prime Time Theaters. Heute hat sein Theater 50.000 Zuschauer im Jahr und zeigt alle sechs Wochen eine neue „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“-Folge. Derzeit geht es zum Beispiel um Taifun und Orkan, zwei „Berliner mit Dönerhintergrund“, um einen Sexualkundelehrer namens „Üwele“ und um die Punkerin Ratte, die ein Problem hat: Sie ist in Batman verliebt.
Gegründet haben Oliver Tautorat und Constanze Behrends, zuständig für die Stück-Texte und Regie, ihr Theater ohne Geld, ohne Subventionen, ohne reiche Eltern, komplett auf eigenes Risiko. Derzeit sitzt Constanze Behrends an der neuen Folge von „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“. Es geht um Superhelden, um die Frage, wer die Antimaterie geklaut hat, um eine große Weltverschwörung, um den „Gift-Lokalisator“, um einen alten Ost-Polizisten und um die Liebe der Punkerin Ratte zu Batman – natürlich alles sorgfältig recherchiert, versprochen! Premiere ist am 25. Juli. „Ich schreibe ein Stück im Monat, das ist easy“, sagt Behrends. „Früher habe ich wöchentlich eine neue Folge geschrieben. Die ersten 28 Folgen haben wir nur dreimal gespielt, dann haben wir drei Tage geprobt, dann hatte die nächste Folge Premiere.“
Prime Time TheaterNach zehn Jahren Überlebenskampf bekommt das Theater heute eine kleine Förderung, 120.000 Euro im Jahr. Die Zuwendungen decken nur einen Bruchteil der Fixkosten. Allein die Miete kostet 8.000 Euro im Monat. Kein Grund zu jammern, finden die Theatergründer: „Man kann Geld ja durch Talent ersetzen“, sagt Constanze Behrends. „Wir wollten auf jeden Fall was Eigenes machen, was Lustiges, das im Wedding spielt. Klassisches Theater war nie meins. Schon weil ich den Umgang mit Frauen im Regie-Theater oft ziemlich sexistisch finde. Frauen werden auf der Bühne in einer Tour geschlagen und vergewaltigt und gedemütigt – und sollen dabei noch sexy aussehen. Tut mir leid, das mache ich nicht mit.“ So charmant ihr Theater daherkommt, Behrends und Tautorat wissen ziemlich genau, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Der Spott über die Prenzlwichser ist durchaus ernst gemeint.
Die Prime-Time-Haltung: Selbstbewusstsein statt Sozialkitsch, trotziger Optimismus statt Larmoyanz. „Die Weddinger sind die Underdogs, und das sind die Helden. Die sind stolz darauf, Weddinger zu sein“, sagt Constanze Behrends. Gerne fragt Tautorat als Rampensau-Conferencier mitten in der Vorstellung einzelne Besucher, aus welchem Bezirk sie kommen. Als ein älterer Herr höflich mit „Zehlendorf“ antwortet, grölt das Publikum. Tautorat: „Lasst mal, das sind Vollzahler.“ Volkstheater bedeutet auch: Das Kontingent an ermäßigten Karten für acht Euro, zum Beispiel für Arbeitslose, ist anders als an sehr viel reicheren Bühnen nicht begrenzt. Und bei aller Professionalität hat ihr Theater immer noch einen spielerischen Kern: Sechs Freunde machen Theater und haben Spaß miteinander. Davon können die Ostermeiers und Peymanns dieser Welt nur träumen.

Text: Peter Laudenbach

Fotos: Prime Time Theater 

Harry und Sally
Fr 18.+Sa 19.7., 20.15 Uhr

Gutes Wedding, Schlechtes Wedding, Folge 93: Dark Wedding
Fr 25.–Mo 28.7., 20.15 Uhr

Prime Time Theater, Müllerstraße 163, Wedding, Karten-Tel. 49 90 79 58

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