Theater

Das Pulverfass im Haus der Berliner Festspiele

Das_PulverfassDie politische Gewalt, die Verbrechen der ethnischen Kriege spart der mazedonische Autor aus, aber die Kriege haben in seinen Szenen ihre Spuren in den Menschen hinterlassen: Die Gewalt ist hier normal und von größter Selbstverständlichkeit.
Das Problem ist, dass alle Figuren Dukovskis äußerst flach und klischiert sind, lauter Pappkameraden, die nach einer knappen Szene wieder abtreten, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan und einander aus banalsten Gründen umgebracht haben. Länger als für eine Mini-Szene würde ihre äußerst bescheidene psychologische Komplexität auch kaum tragen. So entsteht kein Kaleidoskop einer vom Krieg traumatisierten Gesellschaft, sondern nur eine Klipp-Klapp-Schlag-zu-Mechanik in Balkanfolkloresentimentalitätssoße. Im Gefängnis schikanieren sich Häftlinge gegenseitig, ein Autodieb, der das Auto zu Schrott gefahren hat, wird vom Autobesitzer umgebracht, in einem Bus demütigt und beraubt ein Punk die Passagiere, ein Polizist erzählt, wie ihm ein Unbekannter einen Sack über den Kopf gestülpt und mit einem schweren Hammer 27 Knochen zerschlagen hat. Jetzt ist er ein Krüppel. Wie es der Zufall und die Klipp-Klapp-Dramaturgie will, ist der Fremde, dem er das erzählt, der Täter, der dann seinerseits zu berichten weiß, wie ihm der Polizist bei einer Verkehrskontrolle einfach so aus Laune das Geschlecht zerschlagen hat. Was erzählt das? Nichts, außer dass Männer auf dem Balkan gerne mal zuschlagen. Es ist rätselhaft, weshalb die Berliner Festspiele die spielzeit’europa mit einem so flachen Stück eröffnen.
Inszeniert hat das der Regisseur Dimiter Gotscheff mit einem wunderbaren Ensemble, dem es gelingt, das Klischeehafte an Dukovskis Klischeefiguren lustvoll und virtuos und oft ziemlich komisch auszustellen und es mit leichtem Spott in die gekonnte Übertreibung zu jagen, ohne die Figuren lächerlicher zu machen, als sie ohnehin schon sind. Die Bühne ist eine leere Schräge (Bühne: Anri Kulev) auf der Gott sei Dank kein Milieurealismus aufkommt. Der Milieuteppich, den die fröhlich-sentimental scheppernde Balkanmucke eines veri?tablen Orchesterchens zum Mitschunkeln über die Szenen legt, ist schon so unerträglich genug.
Was den Abend rettet, sind die tollen Schauspieler. Samuel Finzi und Wolfram Koch geben die Balkan-Machos als hochkomische Überlebensclowns, wunderbar schmierig und aberwitzig sentimental oder mit tougher Kleinkriminellenbrutalität, wobei zwischen den Stimmungslagen leicht, mühelos und sekundenschnell gewechselt wird. Birgit Minichmayr macht mit Freude am Spiel mit dem Ordinären die prollige, dick mit Lippenstift bemalte, nölige Schlampe. Sebastian Blomberg schaut gekonnt düster-depressiv-gewaltbereit, und Ulrich Khuon ist ein ziemlich überzeugender, hübscher Vorstadtschläger mit zurückgegeltem Haar und spöttischem Blick. So lustig wie in dieser Inszenierung sahen kriegstraumatisierte Balkanbewohner und fröhlich zuschlagende Kleinkriminelle noch nie aus, und das ist doch in diesen harten Zeiten doch auch schon mal was wert.

Text
: Peter Laudenbach

Foto: Albrecht Grüss

Tip-Bewertung: Annehmbar

Das Pulverfass
Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24, Wilmersdorf
4.-6.2., 20 Uhr
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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