Theater

„Das Wort haben die Benützer“ im Corbusierhaus

Das-Wort-haben-die-Benuetzer„Ich wohne hier seit 1958“, sagt die alte Dame, „nur Interieur und Mann haben sich geändert.“ Sie kann sich an das zerstörte Berlin der Nachkriegszeit erinnern, an die großen Glaskästen in der Stadt mit der Aufschrift „Stadtplanung geht uns alle an“, den von Euphorie begleiteten Bau des damals hochmodernen Hansaviertels, durch das man mit einer Seilbahn fahren konnte. Tiefen Eindruck haben die Architekturen der Nachkriegsmoderne damals bei den Menschen hinterlassen. Einige von ihnen leben seit dem Erstbezug 1958 im riesigen Gebäude-Solitär von Le Corbusier am Stadtrand West, in dem die Visionen des Architekten Sichtbeton geworden sind: Die „Wohnmaschine Typ Berlin“ ist ein vertikal gebautes Dorf mit 530 Wohneinheiten und Innengängen von 130 Metern Länge. Architektonische Avantgarde unter Denkmalschutz.

Zwei Wochenenden lang wird das Künstlerkollektiv „Oper Dynamo West“ das Berliner Corbusierhaus in eine begehbare Installation verwandeln. Das Kollektiv bespielt seit 2005 den öffentlichen Stadtraum im Westteil der Stadt mit Projekten zwischen Architektur und darstellender Kunst, während der Großteil der Kunstschaffenden nach Mitte oder in den Osten der Stadt abgewandert ist.
Den Bahnhof Zoo, das Bikinihaus am Breitscheidtplatz oder die Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau haben sie schon als Bühne genutzt, jetzt befragen sie die Alltagsexperten für architektonische Utopie der Moderne – die „Benützer“, die in und mit dieser Vision leben. „Das Wort haben die Benützer“ ist ein Kooperationsprojekt mit der nahezu baugleichen Wohnmaschine „Citй radieuse“ in Marseille. Der Typ Berlin, von Le Corbusier ursprünglich für die 2?000 Menschen angelegt, hat im Laufe seiner Nutzung allerdings Eigendynamik entwickelt, sich dem wandelnden Zeitgeist angepasst: Aus der großen Mieter- ist eine Eigentümergemeinschaft geworden, mit Trend zu Single- und Pärchenhaushalten.
„Wie Maulwürfe haben die Menschen die eigentliche Wohnstruktur untergraben, sie individuell gestaltet“, erzählt Regisseurin Janina Janke, die das Corbusierhaus schon 2009 für einen Workshop entdeckte, den sie gemeinsam mit der Bühnenbildnerin Muriel Gerstner im Rahmen des Theatertreffens gegeben hat.

In kleinen Gruppen wird „Oper Dynamo West“ die Zuschauer durch das hellhörige Corbusierhaus führen, in dem die Nachbarn auch akustisch am Leben der anderen teilhaben – Wohnen als Klanggemeinschaft. Über die Biografien, in Video- und musikalischen Installationen (Komposition Bill Dietz) erzählt sich die Geschichte der Moderne aus subjektiv-künstlerischer Sicht, mit Panoramablick auf die faschistische Architektur des Olympiastadions. Die architektonischen Utopien des 20. Jahrhunderts sind ideologisch gescheitert. Aber sie waren einem Sozialgedanken verpflichtet: Das Wort haben die Benützer.               

Text: Anja Quickert
Foto: Manuel Kinzer

Das Wort haben die Benützer
Corbusierhaus Berlin, Flatowallee 16,
Führungen: 23.8. 19–21.30 Uhr, 24., 30., 31.8. 17–21.30 Uhr, 25., 26.8., 1., 2.9., 15–19.30 Uhr;
Nur mit Anmeldung unter Tel. 40 98 31 95 oder [email protected]

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