Theater

De Keersmaekers „Drumming“ im HAU

Drumming„Drumming“, 1971 vom amerikanischen Komponisten Steve Reich nach einem längeren Aufenthalt in Ghana komponiert, gilt als Höhepunkt der Minimal Music. Die Komposition besteht aus vier nahezu identischen Stücken: übereinander geschichtete, jeweils leicht verschobene Cluster, Klang- und Rhythmusmuster. Auf sture afrikanische Bongotrommeln folgen drei Marimbas, geschlagen von neun Musikern, dazu kommen zwei Frauenstimmen. Im letzten Teil dann trommeln, schlagen, pfeifen, singen sie alle zusammen – und zwar stets das gleiche zweiminütige Muster, das langsam durch den ersten Musiker gesteigert wird, während der zweite sein Tempo noch einige Sekunden beibehält, bis er genau einen Takt hinter dem ersten zurückliegt. Durch solche Phasenverschiebungen scheint es unentwegt Unterschiede zu geben, die sich sofort wieder nivellieren. Eine Stunde dieses Beats erzeugt einen unglaublichen Rausch. Die Steigerung dessen geht dann so: eine Stunde Tanz zu diesem Beat – und das Meisterwerk ist getan.

Die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker hatte sich Steve Reichs Komposition damals, 1998, als sie ihr Stück choreografierte, wie Architektur vorgestellt: Hochhäuser mit gleichen Stockwerken, gleichen Treppenhäusern, gleichen Dachhöhen. Sie hat sich die menschlichen Bewegungen darin als lauter Spiralen vorgestellt; wie man sich eben bewegt in der Wohnung oder im Treppenhaus. Im Prinzip gehen wir nie gerade, sondern in Loops, eher kreisförmig und selten auf kürzesten Wegen. Darum gehorcht die Choreografie auch keinem bloß vorgegebenen Rhythmus, sondern findet ihren eigenen: eine Partitur aus Schwüngen und Sprüngen. Wobei es natürliche Grenzen gibt. Die Musik bricht erschöpft zusammen, die elf Tänzer werden am Ende die Laufleistung eines WM-Spiels hinter sich haben. Deshalb ist klar: Eine solche Struktur bedarf schon rein kräftemäßig einer gewissen Ökonomie, eines Flows und einer Ordnung, die einen auch erst in Trance versetzt.

Das hat viel mit Organisation von Raum und Zeit zu tun. Aber beim Betrachten sieht man das genaue Gegenteil. Permanent starrt man auf Unterschiede, Differenzen und meint fast unmittelbar zu verstehen, was mit der damals aktuellen Lust an Entropie und Chaostheorie gemeint sein könnte. Gerade durch die Weigerung, irgendeine militärische Ordnung des Körpers in den Beat hineinzulassen, springt der Mensch ins Auge – was einerseits mit der Kunst afrikanischen Rhythmisierens  zu tun hat, andererseits auf einem alten mathematischen Prinzip beruht: Wird ein Rechteck im Goldenen Schnitt immer weiter geteilt, entsteht die Figur einer logarithmischen Spirale, ein Pentagramm, ein fünfzackiger Stern, der aussieht wie unser Körper, nur abstrakter. Derlei Linien sieht man dezent auch auf der Bühne – kein Rosenkreuzer-Hokuspokus, sondern eine äußerst menschliche Grundstruktur. Zuletzt war dieses Werk 1999 bei Tanz im August zu sehen. Vierzehn Jahre später hat es nichts eingebüßt. Der End- und Höhepunkt der Minimal Music und seine choreografische Interpretation haben nichts an Faszinationskraft eingebüßt.

Text: Arnd Wesemann
Foto: Herman Sorgeloos

Drumming
Mi 27.–Fr 29.3., 20 Uhr
im HAU1,
Karten-Tel. 25 90 04 27

 

Mehr:

Interview mit dem Komponisten Steve Reich uns seiner Frau, Beryl Korot, Videokünstlerin

Jan Fabre beim Festival „Precarious Bodies“ im HAU

Theater und Bühne in Berlin Übersichtsseite 

 

Mehr über Cookies erfahren