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In Watte gepackt: Dea Lohers „Diebe“ im Deutschen Theater

diebe… fremd im eigenen Leben, unbehaust und, um es mit den feierlichen Worten eines älteren Philosophen zu sagen, schwer gezeichnet von me­ta­physischer Obdachlosigkeit. Finn (Jörg Pose) kann nicht mehr schlafen, er hat sich in einer Wohnung eingebunkert, bekritzelt die Wände mit den Worten, Namen und Zahlen, die sein Gedächtnis noch hergibt und springt irgendwann aus dem Fenster: Fin(n) de partie.
Seine Schwester (unverkitscht, herb und berührend: Judith Hofmann) führt vor lauter Einsamkeit Selbstgespräche am Frühstückstisch, ist überzeugt, dass sie einen Wolf in der Stadt gesehen hat, und träumt davon, Hüterin eines Naturschutzgebietes zu werden. Ein Tier im Vorgarten, sozusagen Wolfs Revier, vermutet auch das lustige Ehepaar Schmitt (keine Angst vor Vollkaracho-Komikertum: die tolle Katrin Klein und Bernd Moss), aber dann ist es nur der melancholische Bestatter Josef (Helmut Mosshammer), der rauskriegen will, ob Herr Schmitt vor vielen Jahren einmal seinen Samen gespendet hat, aus dem dann via künstlicher Befruchtung Josefs heutige Freundin Mira (arg penetrant berlinernd, wa: Olivia Gröser) geworden ist. Und so weiter.

diebeDas Konstruktionsmuster (um nicht Konfektionsmuster zu sagen) ist simpel: Denkbar banale Alltagsfiguren, ein Polizist, ein Rentner, ein depressiver Versicherungsvertreter, eine Su­per­marktverkäuferin, Mittelschicht­neurotiker, die alle ihr Geheimnis und ihre versponnenen Eigenheiten haben, wie die ältere Dame (Heidrun Perdelwitz), die seit 43 Jahren darauf wartet, dass ihr Mann, der bei der Hochzeitsreise kommentarlos das Hotelzimmer verlassen hat, mal wieder auftaucht. Es sind lauter irgendwie bekannte Gesichter mit gemischten Gefühlen, lauter Paare und Passanten, lauter Hypochonder, verirrt im Groß und Klein des bundesrepublikanischen Alltags. Aber anders als in Botho Strauß’ Stücken der 70er Jahre, deren Muster hinter jeder Szene durchschimmert, wirken die Geheimnisse und Absenzen, die Ausrutscher, das leichte?Entgleiten aus der Wirklichkeit mühsam konstruiert, herbeizitiert, als wären sie den knapp skizzierten, eher ausgedachten als beobachteten Figuren als Geschmacksverstärker und Reizlieferanten angeklebt.

Die Dramaturgie der kurzen Szenen, die alles nur anreißen, nichts durcherzählen und die Figuren gleichsam nur im Vorbeigehen streifen, lässt sich auf nichts ein, vielleicht weil es bei den arg flachen Figuren auch nichts gibt, auf das einzulassen sich lohnen könnte.
Andreas Kriegenburg inszeniert das weniger bilderverliebt und kitschselig auftrumpfend als bei seinen letzten Regie-Taten, aber seine Figurenzeichnung kommt über das ironische Kleinbürgerklischee kaum hi­naus (Ausnahme: die wie gesagt berührende, ihre Figur nicht an die Ironie verratende, sondern diese genau ausleuchtende Judith Hofmann). Kriegenburg packt alles in die warme Watte seiner Weichzeichner-Regie. Die Bildidee, alle Szenen auf und vor einem großen Mühlrad, sozu­sagen einer in die Vertikale gekippten Drehbühne, die die Figuren nach jeder Szene einfach wegwischt, spielen zu lassen, ist hübsch, aber mehr auch nicht. Der Eindruck einer netten Harmlosigkeit, eines Falls von Kriegen­burg-typischem Kuschel­theater auf kunsthandwerklich durchaus professionellem Niveau, das niemandem wehtut, über gehobenen, etwas schwerfälligen Bou­levard nicht hinauskommt und sich weder für seine Figuren, geschweige für den Rest der Welt größer interessiert, lässt sich nach den knapp vier Stunden der Aufführung nicht ganz verleugnen.    

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Zwiespältig


Termine: Diebe am Deutschen Theater, z.B. am Sa 23.1., Mo 8.2., So 28.2., 19.30 Uhr, So 24.1., 17 Uhr; Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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