Zeitstück

„Denial“ am Maxim Gorki Theater

Mir geht es gut: Yael Ronen inszeniert „Denial“ am Maxim Gorki Theater

Denial
Foto: Ute Langkafel/Maifoto

Yael Ronen, Expertin für politisch-private Konfliktzonen, die sie mit Mitteln des boulevardesken Recherchetheaters seziert, widmet sich in ihrer neuen Inszenierung am Gorki Theater den Fallstricken von Verdrängung und Verleugnung. Auch wenn wir spätestens seit Freud wissen, dass das Verdrängte immer wiederkehrt und sich mit zuverlässiger Penetranz auf Umwegen äußert, kommen wir ohne den Schutz der Verdrängung nicht aus. Bei Ronen beginnt das vergleichsweise harmlos mit den Lügen oder Wunscherinnerungen, mit denen Erwachsene von ihrer angeblich glücklichen Kindheit erzählen. Weil Ronens Inszenierungen mindestens doppelbödig sind, sickert nach und nach die nicht so schöne Wahrheit durch: das Mobbing, die Einsamkeit, die Härte der sozialen Hierarchie.

Die Inszenierung spielt das Muster an unterschiedlichen Themenfeldern durch, von der verleugneten sexuellen Orientierung über Schulden, die man so lange ignoriert, bis das Haus gepfändet wird, bis zu israelischen Schulbüchern, in denen Palästinenser und ihre Geschichte einfach ausgeblendet werden. Das szenische Verfahren ist einfach, aber wirkungsvoll: Die fünf Schauspieler (Orit Nahmias, Oscar Olivo, Dimitrij Schaad, Cigdem Teke, Maryam Zaree) erzählen, unterbrochen von Musikeinlagen, mehr oder weniger frontal ins Publikum vorgeblich ihre eigenen Geschichten – was natürlich immer ein Spiel mit den Schein-Authentischen ist.

Besonders beklemmend wird das, wenn Maryam Zaree behauptet, ihre eigene Mutter sitze möglicherweise im Zuschauerraum. Zarees Eltern wurden im Iran politisch verfolgt und inhaftiert. Die Schauspielerin möchte wissen, was ihre Mutter in den Gefängnissen des Regimes erlitten hat, als sie mit ihr schwanger war – und ob sie, die Tochter, im Gefängnis zur Welt kam. Die Mutter hat nie darüber gesprochen. Es gibt Schmerzgrenzen, an denen Verdrängen und Verschweigen zumindest für eine Zeit zum überlebensnotwendigen Schutzmechanismus wird.

Das Theater simuliert eine schmerzhafte, private, sehr intime Aussprache, die vorsichtig tastende Suche nach einer kaum erträglichen biografischen Wahrheit – was einerseits beim Zusehen berührend und schwer erträglich ist, durch das Spiel mit der vorgeblichen oder echten Authentizität den Zuschauer aber auch zwangsläufig zum Leidensvoyeur macht.

Maxim Gorki Theater Sa 1.10.,19.30 Uhr, Eintritt 10-34 €

Bewertungspunkte3

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