Theater

Der Berliner Klassik-Sommer 2012

BPO_c_SebastianGreunerDerzeit ist oft die Rede von der neuen Lockerheit, die in Konzertsälen Einzug hält. Ob junge Tenöre mit Boygroup-Charme, Operndiven, Teufelsgeiger mit Rockermatten oder blutjunge Klaviervirtuosen – mehr Pop-Aura gab es in der Klassikwelt scheinbar noch nie. Dabei sind Opern oder Sinfonien schon immer gut gewesen als Live-Spektakel; schließlich gibt es das Open Air als Massenveranstaltung unter offenem Himmel bereits seit der Antike. Ohne Shootingstars kommen die Berliner Philharmoniker bei ihrem traditionellen Sommerkonzert in der Waldbühne aus. Mit wechselnden Gastdirigenten ist das weltberühmte Ensemble selbst der Star des Abends. Nur ein einziges Mal in rund 30 Jahren wurde die Freude ein wenig verhagelt: Das war vergangenen Sommer, als das Konzert Musik aus berühmten Filmen versammelte, wie Nino Rotas Musik zu Fellinis „La Strada“. So heftig prasselte der Sommerregen, dass die Philharmoniker aufgeben mussten und ihre Pulte räumten. Den Pilgerstrom wird eine unstete Wetterlage auch in diesem Jahr kaum schmälern. Das Programm ist diesmal den Werken Tschaikowskys gewidmet. Unter Leitung von Andris Nelsons, der vergangenes Jahr mit dem Klassik-Echo als „Dirigent des Jahres“ ausgezeichnet wurde, wird die Symphonie Nr. 5 e-Moll im Zentrum stehen. Der Komponist war anno 1888 zwar selbst nicht sonderlich überzeugt von der eigenen Arbeit; was aber den Siegeszug der „Fünften“ als eines der beliebtesten Werke Tschaikowskys bekanntlich nicht aufhielt.

Zuvor schon wird die Waldbühne Anfang Juni Schauplatz eines besonderen Orchesterkonzerts. Dann gastiert Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra unter dem Zeltspitzdach im Grünen. Das Ensemble, das mit israelischen, palästinensischen und anderen Musikern verschiedener arabischer Nationalitäten besetzt ist, kennt man vor allem durch denkwürdige Auftritte mit politischer, versöhnlicher Ausstrahlung. Gastspiele führten zuletzt etwa nach Peking oder nach Südkorea nahe der umkämpften Grenze zum Norden. Als Orte, an denen der musikalische Direktor der Staatsoper mit seinem jungen Orchester in Zukunft auftreten möchte, nannte der 69-Jährige unlängst den Gaza-Streifen und Kairos Tahir-Platz.
Im spannungsvollen Reiseplan der Musiker stellt Berlin eine Art Heimathafen dar. Schon 2011 spielte das Orchester in der Waldbühne Beethovens Sinfonien Nr. 8 und 9. Der Lieblingskomponist des Orchesterleiters steht auch beim jetzigen Auftritt auf dem Programm: dann mit der „Dritten“ und der „Fünften“. Nach dem ausverkauften Einstand im Vorjahr verkündete Barenboim, „mit einem weiteren Sommerkonzert in Berlin hoffentlich eine neue Tradition zu gründen“.

Gleichfalls in die zweite Runde gehen die Berliner Seefestspiele. Das ambitionierte Opern-Event von Konzertveranstalter Peter Schwenkow sollte ursprünglich mit einer Seebühne nach Bregenzer Vorbild aufwarten. Die Premiere mit Mozarts „Zauberflöte“ und Katharina Thalbach als prominenter Regisseurin fand 2011 dann zwar doch nicht auf einer schwimmenden Bühne statt; stattdessen agierten Orchester und Sänger am Wannsee auf einem Podium mit fester Bodenhaftung. Doch auch so gelang ein respektabler Auftakt. Bei der zweiten Ausgabe wollen die Festspiele-Macher nun mit vergleichbaren Zutaten punkten: Dann lockt mit Georges Bizets „Carmen“ die populärste Oper der Musikgeschichte. Mit Volker Schlöndorff sagte erneut ein prominenter Regisseur zu, mit dem sich das Open-Air-Spektakel auch als künstlerisch ernst zu nehmende Größe etablieren kann. Was ein wenig medienwirksamen Rummel im Vorfeld ja nicht auszuschließen braucht: Für die drei Hauptrollen der Wannsee-„Carmen“ läutete der Klassik-Unternehmer ein öffentlich ausgeschriebenes Casting samt internationaler Jury ein. ZDF und Arte bereiten den Sängerwettstreit fürs Fernsehen auf, das Motto lautet schlüssig: „Volker Schlöndorff sucht den Opernstar“. So nah kommen sich Pop- und Klassikwelt in der Tat ziemlich selten.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Sebastian Greuner

Berliner Philharmoniker Waldbühne, So 24.6., 20.15 Uhr, VVK: 23–77 Ђ

Daniel Barenboim And The West-Eastern Divan Orchstra Waldbühne, So 6.6., 20 Uhr, VVK: 22,50–69,50 Ђ

Seefestspiele: Carmen Seebühne Wannsee, von Do 16.8. bis So 2.9., Do–Sa 19.30 Uhr, So 18.30 Uhr, VVK: 42–90,30 Ђ

KONZERTE

Juni:

Berliner Klassik-Sommer
Letztes Jahr entstand das Festival auf Initiative der Berliner Camerata. Dieses Jahr umfasst das Programm 14 Konzerte, u.a. von Pianist Yorck Kronenberg, Hande Özyürek und der Moskauer Kammermusik Akademie. 
bis 8.9., Französischer Dom am Gendarmenmarkt; Programm u.a.: 30.6., „Chopin Nacht“ (Moskauer Kammermusik Akademie); 21.7., Barockfest (Basel Baroque Consort, Werke u.a. von Vivaldi und Händel) 11.8., „Violino Virtuoso“ (Berliner Camerata, Werke u.a. von Vivaldi und Dvorak) 17.8., „Der Alte Fritz“ (Werke von Friedrich II., Vivaldi, Bach u.a.) 25.8., „Türkei Meets Klassik“ (Violinistin Hande Özyürek mit Werken von Mozart und Ucarsu) 8.9., Abschlusskonzert (Berliner Camerata, Werke u.a. von Mendelssohn Batholdy und Suk)

Hoppegarten Klassik – Philharmonie im Grünen
Am Freitag eröffnen Dorthe Kollo und Lars Ranch das Open-Air-Event mit leichteren Swing-Klängen. Der Samstag steht im Fokus des Musicals: Es erklingt „My Fair Lady“. Zum Ausklang folgen die jungen Besucher der Kinderoper „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck, bevor Gunther Emmerlich mit seiner „Semper House Band“ das Wochenende ausklingen lässt.
15.–17.6., Galopprennbahn Hoppegarten

Salon Orchester Berlin
Das Repertoire des 1981 gegründeten Orchesters besteht aus unterschiedlichen Klassikern und Evergreens, die bis in die moderne Zeit reichen. Ein Konzert für Jung und Alt.
22.6., Botanischer Garten / Botanisches Museum Berlin

Berliner Philharmoniker
Traditioneller Saison-Ausklang: Unter der Leitung von Andris Nelsons erklingen Werke Tschaikowskys.
24.6., Waldbühne

Ji-Yeoun You
Die Pianistin debütierte bereits im Alter von zehn Jahren. Noch immer zwischen Berlin und Süd-Korea pendelnd, zählen die Sommerkonzerte mittlerweile für sie zu einem fixen Termin. Am heutigen Abend widmet sie sich Mozart, Ravel und Chopin.
29.6., Botanischer Garten / Botanisches Museum Berlin

Staatsoper für alle
Übertragung der Inszenierung von „Don Giovanni“ aus der Staatsoper Berlin im Schiller Theater.
1.7., Bebelplatz

Juli:

Staatsoper für alle
Livekonzert der Staatskapelle Berlin unter Leitung Daniel Barenboims. Klavier: Yefim Bronfman. Tschaikowsky: Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23 und Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36.
1.7., Bebelplatz

Classic Open Air am Gendarmenmarkt
Beliebtes Open-Air-Festival in der Berliner Mitte mit einem breiten Repertoire zwischen leichter Klassik und orchestralem Pop.
5.–9.7., Gendarmenmarkt; Programm: 5.7., Best of Classics. Herbert Feuerstein präsentiert Opernarien und -duette sowie Operetten- und Musicalmelodien, 6.7., Dance Dance Dance – von Schwanensee bis Breakdance, 7.7., Opera Italiana – Verdi, Rossini und Puccini, 8.7., Let It Swing – Andrej Hermlin & His Swing Dance Orchestra; Gast: Sarah Connor, 9.7., Katie Melua – „Secret Symphony Tour 2012“ (Pop & Classic)

Young Euro Classics
Festival internationaler Jugendorchester. Diesjähriger Schwerpunkt: Südafrika. Das Eröffnungskonzert verbindet Klassik und Jazz mit traditioneller afrikanischer Musik.
27.7.–12.8., Konzerthaus

Wassermusik 2012
Sommer-Open-Air-Festival mit dem Schwerpunkt „Süd-Süd“. Im Zentrum stehen Klänge und Kompositionen, die außerhalb der europäisch-kolonialen Sphäre entstanden sind.
20.7.–10.8., Haus der Kulturen der Welt

West-Eastern Divan Orchestra
Das israelisch-palästinensische Orchester führt unter Leitung Daniel Barenboims Beethovens 3. und 5. Sinfonie auf. Das Konzert findet im Rahmen der „Beethoven-for-All“-Sommer-Tournee statt.
29.7., Waldbühne

August:

Audi Klassik Open Air
Bereits zum zwöften Mal erklingen im Herzen des Prenzlauer Bergs bekannte und leicht verdauliche Klassik-Klänge im Hofe der ehemaligen Brauerei – begleitet von abendlichen Feuerwerken.
15.–19.8., Kulturbrauerei

Blechbläserquintett des DSO
Die fünf Musiker intonieren u.a. Kompositionen von Lully, Berkeley, Williams und Snyer.
24.8., Botanischer Garten / Botanisches Museum Berlin

Musikfest Berlin
Auftakt der neuen Spielzeit 2012/13, veranstaltet von den Berliner Festspielen in Kooperation mit der Stiftung Berliner Philharmoniker. An 20 Tagen werden in der Philharmonie und deren Kammermusiksaal, im Großen Sendesaal des rbb, im Konzerthaus Berlin, in der Akademie der Künste, im Tempodrom, im Kühlhaus Berlin und in der Heilig-Kreuz-Kirche 25 Veranstaltungen mit rund 80 Werken von 30 Komponisten präsentiert, aufgeführt von 24 Orchestern, Chören, Instrumental- und Vokalensembles und über 60 Solisten.
31.8.–18.9., diverse Orte, Programm u.a. 31.8., Mahler Chamber Orchestra, Ltg: Kent Naganos – Werke u.a. von Charles Ives, 6.9., London Symphony Orchestra, Ltg: Michael Tilson Thomas – Werke u.a. Feldman und Ives, 10.9., BBC Symphony Orchestra Ltg: John Adams – „Nixon in China“ von John Adams (Berliner Erstaufführung, 15.9., Rundfunkchor Berlin – David Lang: „The Little Girl Match Passion“ (Kühlhaus Berlin)

VORSCHAU AUF DEN THEATERSOMMER 2012

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