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Der Bühnenbildner Mark Lammert

Mark Lammerts Bühnen sind einigermaßen gnadenlos. Die hohe gelbe Wand, die sich in Dimiter Gotscheffs „Perser“-Inszenierung am Deutschen Theater im leeren Bühnenraum dreht, scheint die kleinen Menschlein vor ihr einfach wegzuwischen. Die zehn, kalt und weiß strahlenden Rechtecke im Bühnenboden wirken in Gotscheffs „Hamletmaschine“, ebenfalls am Deutschen Theater, wie Gräber: Das Theater als Eingang in den Hades. Der riesige gelbe Stoffsack, der in „Ödipus Tyrann“ am Thalia Theater drohend über den Spielern pendelt wie die Keule eines launischen Gottes, könnte die armen Sterblichen unter ihm mit einem Schlag zermalmen. Und das von einem blutigen Streifen durchschnittene Podest, auf dem in Heiner Müllers „Fatzer“-Inszenierung am Berliner Ensem­ble die Spieler wie Zombies der deutschen Geschichte gefangen waren, war ein Menschenversuchslabor.   
Ein prächtiges Buch, herausgegeben von der Theaterwissenschaftlerin Ulrike Haß, dokumentiert jetzt die Bühnenräume und beweglichen Skuplturen, die Mark Lammert in den vergangenen gut 20 Jahren für das Theater geschaffen hat. Es ist ein Buch, das Lammerts Bühnen entspricht: vielschichtig wie ein Palimpsest und schön wie ein Rothko-Gemälde.
Gleich die erste Bühne, die der Maler und Bildhauer Mark Lammert auf Wunsch Heiner Müllers 1993 für dessen „Fatzer“-Inszenierung am Berliner Ensemble entworfen hat, zeigt seine Theaterästhetik: Sparsam gesetzte Zeichen, Spiegel, Stelen, Tücher gliedern den Bühnenraum. Bis heute ist Lammerts Theaterarbeit von seiner Beschäftigung mit Heiner Müller geprägt. Seine wichtigsten Regie-Partner, der vor wenigen Monaten verstorbene Dimiter Gotscheff und der französische Theater- und Opernregisseur Jean Jourdheuil sind Müller-Schüler, Jourdheuil ist Müllers französischer Übersetzer. Wie für Müller ist die Bühne für Lammert der Schauplatz der Tragödie, kein Unterhaltungsspielplatz für Spaßwütige: Hier warten „die Toten an der Gegenschräge“ (Müller) auf die Lebenden.  
Lammerts Bühnenräume behaupten immer eine Eigenlogik des Theaters. Es sind Bühnen, die Denk- und Spielräume schaffen und wirken, als wären sie immer schon da gewesen. Wir dürfen sie betrachten, aber eigentlich haben sie uns nicht nötig. Deshalb brauchen sie auch keine auftrumpfenden Überwältigungseffekte oder einschmeichelnden Oberflächenreize.
Lammert, seit einigen Jahren Professor an der Berliner Universität der Künste, versteht sich als Fremdkörper im Theater. Er ist vor allem Maler und Zeichner, seine Bühnen sind Skulpturen auf Zeit. Auch das trifft sich mit Heiner Müllers Theaterverständnis, nach dem die Texte den Routinen des Theaters „Widerstand“ zu leisten hätten. Es ist auch diese Fremdheit, die die Schönheit von Lammerts Bühnenräumen ausmacht.

Text: Peter Laudenbach

Mark Lammert –?Bühne Räume Spaces Ulrike Hass (Hrsg.), Verlag Theater der Zeit, 232 S., zahl­­reiche Abbildungen, 40 Euro

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