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Interview mit Chang-Chi Sun

Der Choreograf Chang-Chi Sun über seine neueste Arbeit „Spur“

Darin arbeitet der Wahl-Berliner mit Kindheitsheitserinnerungen. Der musikalisch-choreografische Abend feiert in den Uferstudios Premiere.

Sven Hagolani
Sven Hagolani

tip: Herr Sun, Sie wuchsen in Taiwan auf. Was sind Ihre prägenden Erinnerungen?
Chang-Chi Sun: Meine Mutter ist Fernseh- und Theater-Schauspielerin und ich war sehr viel mit ihr unterwegs. Es gab keinen Babysitter. Ich habe lebendige Erinnerungen an Filmstudios, Reisen und Künstler – eine sehr bunte Welt mit vielen Erwachsenen und wenig Kindern. Seitdem ich in Deutschland lebe und älter werde, kommen diese Erinnerungen zurück und mit mehr Details, ausgelöst durch die Tatsache, dass ich hier in einer ganz anderen Kultur und Umgebung lebe.

tter ist Fernseh- und Theater-Schauspielerin und ich war sehr viel mit ihr unterwegs. Es gab keinen Babysitter. Ich habe lebendige Erinnerungen an Filmstudios, Reisen und Künstler – eine sehr bunte Welt mit vielen Erwachsenen und wenig Kindern. Seitdem ich in Deutschland lebe und älter werde, kommen diese Erinnerungen zurück und mit mehr Details, ausgelöst durch die Tatsache, dass ich hier in einer ganz anderen Kultur und Umgebung lebe.

tip: Sie studierten an der Hochschule Ernst Busch. Was hat Sie an Berlin am meisten verblüfft?
Chang-Chi Sun: Aus Taiwan kam ich zuerst zum Stadttheater Nürnberg als Tänzer in die Ballettkompanie, bevor ich 2008 nach Berlin kam. Ich schätze vor allem die multikulturelle Atmosphäre in Berlin. Es ist sehr anregend, hier zu leben und zu arbeiten. Es gibt eine große Offenheit für Experimente. Das ist auch Thema in meiner Arbeit: die Offenheit, das Spielerische und die Vielfalt unserer Herkunft.

tip: Beinhaltet „Spur “autobiografische Motive?
Chang-Chi Sun: Nicht wirklich. Ich war eher daran interessiert, über die Erinnerungen des Körpers im Bezug zu unseren unterschiedlichen Geschichten zu arbeiten. Es geht um die Spuren im Körper von den Tänzern und mir. In den Proben gab ich den Tänzern  Bilder und „Farben“, mit denen sie experimentiert haben. Zum Beispiel Bilder meiner Kindheit, wie die Erinnerung an einen Fernsehmoderator oder an Kinderspielen. Viele Szenen im Stück lassen für die Darsteller Freiraum, um Emotionen entwickeln zu können. Es geht um Spontaneität und Offenheit,  das Stück ist sehr physisch und spielerisch.

tip: Inwieweit schließt „Spur“ ästhetisch an die letzten Arbeiten „The Photographer“ und „Transit in Préludes“ an?
Chang-Chi Sun: Alle diese Choreografien sind ein Dialog mit Live Musik, insbesondere Neuer Musik. „Spur „ist ausserdem die zweite Produktion in Kooperation mit dem Ensemble KNM Berlin, das für seine sehr innovative Konzerte gekannt ist. Ich liebe die Energie, die entsteht, wenn Musiker und Tänzer zusammen auf der Bühne sind. Es ist auch ein Experiment mit Akustik, die Details der Musik sind viel besser für die Tänzer zu spuren, insbesondere in der Musik von Beat Furrer.

tip: Für die Musik zeichnet der Schweizer Komponist Beat Furrer verantwortlich. Was schätzen Sie an seiner Tondichtung?
Chang-Chi Sun: Seine Musik ist sehr dynamisch, sehr präzise und gleichzeitig sehr überraschend. Jedes Mal, wenn die Musiker Furrer spielen, entdecke ich neue Seiten, neue Bilder für mich. Die Kompositionen haben viel mit dem Körper zu tun, ich spüre oft eine sehr physische Resonanz dieser Musik. Die Musiker tanzen fast beim Spielen!

tip: Sie haben „Solo“ für Violoncello (1999) und „Phasma“ für Piano (2002) in „Spur“ eingearbeitet – beides sind sehr selten aufgeführte Werke. Was verbinden Sie mit den Kompositionen?
Chang-Chi Sun: Beide Werke sind sehr unterschiedlich. „Solo“ ist vor allem körperlich und hat eine hohe Spannung. Es ist atemberaubend, wie sich die Klänge ständig verändern und ich habe immer das Gefühl, dass der ganze Raum lebt. „Phasma“ ist sehr virtuos, es fängt mit einer scheinbar mathematischen Struktur an und wird nach und nach spielerischer. Es ist eine große Herausforderung für den Klavierspieler Frank Gutschmidt. Tatsächlich scheint das Werk fast unspielbar: eine Art Chaos, das jedoch sehr präzise komponiert ist, mit unterschiedlichen Schichten. Beat Furrer sagt selbst, dass sein Komponieren mit der Arbeit eines Archäologen vergleichbar ist, da so viele Schichten zu entdecken sind. Ich finde, es ist wirklich so.

Uferstudios, Uferstr. 8, Wedding, Fr. 9-So 11.7., 20 Uhr

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