Klassiker

„Der eingebildete Kranke“ an der Schaubühne

Horrorclowns im ­Todeskampf: Bei Michael Thalheimer gibt es an der Schaubühne bei Molières „Der eingebildete Kranke“ nichts zu lachen

Foto: Katrin Ribbe

Nach Thomas Ostermeiers Exkursion in die Welt der Chefarztintrigen („Professor Bernhardi“) setzt die Schaubühne ihre Beschäftigung mit schwer therapierbaren Patienten und skrupellosen Medizinern fort. Auch diesmal sind die Heilungschancen eher schlecht. Der Herr, der auf seinem Rollstuhl thront wie ein Despot des Krankenzimmers, ist von Anfang an erledigt. Den Schlafrock schlampig über den aufgedunsenen Körper geworfen, das Wams bekleckert von Auswurf und Erbrochenem, bestehen die letzten, wollüstig ausgekosteten Lebensäußerungen des monströsen Familientyrannen offenbar daraus, Blut zu spucken. Weil wir im Theater sind (vielleicht auch, weil der Moribunde aus seinem Verfall gerne großes Theater macht), nimmt er das Blut in großen Zügen aus der praktischen Vorratsflasche, bevor er es sich genüsslich aus dem Mundwinkel triefen lässt, ein Könner des letalen Sabberns. Die Haut glänzt ungesund, die Augen stieren fiebrig, wenn er sein Schicksal und die Welt verflucht: „Zetter! Jammer! Angst! Marter! Plagen!“ Mit Blut malt er, als würde er sich selber durchstreichen, ein dekoratives Kreuz an die Rückwand seiner weiß gekachelten Krankenhaus-Zelle, ein Quadrat, aus dem es vermutlich keinen Ausweg als zum Friedhof gibt (Bühne: Olaf Altmann). Bis es soweit ist, führt er eine Art Krankheitsballett auf, ein Pas des Deux mit dem eigenen Tod, bei dem sich der Vanitas-Virtuose spreizt, als würde er am liebsten auf Zehenspitzen ins Grab tänzeln. Danach beginnt dann leider das Theaterstück.

Nach diesem Prolog kann es natürlich nur noch wie ein lästiger Umweg vor dem gnädigen Exitus wirken, ein einziges Ausbuchstabieren der hier etwas zu wörtlich genommenen barocken Gewissheit, dass, angesichts des Todes, alles eitel ist. Gegeben wird angeblich die Komödie „Der eingebildete Kranke“ von Molière, aber in Michael Thalheimers gewohnt wuchtiger Inszenierung an der Schaubühne ist die Krankheit alles andere als eingebildet.
Argan, der Hausherr im Rollstuhl, fühlt sich in der Rolle des Todkranken sichtlich wohl. Peter Moltzen, ein Schauspieler, der sich seine Figuren mit der grimmigem Liebe eines Kannibalen zur nächsten Mahlzeit vornimmt, spielt ihn, als würde er sich und den Zuschauern  ein Vergnügen daraus machen, den kalten Schweiß des Todeskrampfs mit Lust und Schrecken auszukosten. Aber nicht nur Argan ist ein Fall für die Palliativstation; auch um seine Familie, die er mit dem Hass des Sterbenden auf die Überlebenden drangsaliert, steht es nicht zum besten.
Hier sind alle von einem tödlichen Fieberwahn-Virus vergiftet. Neben Béline, Argans raffgieriger Witwe in spe (Jule Böwe), und den enthemmten Ärzten, die ihren Patienten zu Tode pflegen, hat es auch Molières Kontrastfiguren erwischt. Bei Argans Tochter (Alina Stiegler), ihrem Geliebten Cléante (Felix Römer) und der lebensklugen Dienerin Toinette (Regine Zimmermann) ist von jugendlicher Romantik der reinen Herzen und schönen Seelen nichts übrig geblieben. Sie sind der Zombie-Hysterie ebenso anheimgefallen wie die verkommenen Alten.

Für einen jugendlichen Liebhaber wirkt Cléante reichlich verlebt. Die liebste Gefühlregung, zu der sich sein aufgequollenes Gesicht in der Lage zeigt, ist ein debiles Glotzen, bestenfalls Zeugnis eines schweren Katers, aber vermutlich eher Zeichen eines dumpfen Seelenlebens, dem schon lange alles egal ist. Regine Zimmermann macht aus ihrer Toinette eine oversexte Comicfigur, die als Arzt verkleidet einigermaßen sinnfrei etwas Porno-Gymnastik mit der toten Hose Argan vorturnt – was weder lustig noch böse oder gar obszön, sondern nur etwas dämlich und überflüssig ist.

Das Problem dieser durchgängigen Zombifizierung des Personals ist nicht nur, dass die Komödienmechanik bei gleichmäßiger Verkommenheit aller Beteiligten keine Chance hat. Nach spätestes 15 Minuten ist alles erzählt: Diesen Egoshooter-Krüppeln gönnt man ihr baldiges Ableben von Herzen. So etwas wie eine Entwicklung ist nicht vorgesehen. Weil der Demonstration eines unerfreulichen Menschenbildes die Kontraste fehlen, bleibt  Thalheimer nur Heftigkeit der Oberflächenreize, was vor allem für eine Mono­tonie des Geschreis sorgt. Hat Thalheimer in seine großen Inszenierungen, zuletzt in einer Frankfurter „Penthesilea“, die Kraft zur hohen, wuchtigen Form und zur Pathos-Fallhöhe der Tragödie, ist hier die Behauptung, so etwas wie Schreckensdimensionen des Menschlichen zu erkunden, nichts als Show-Routine, Ekel-Effekthascherei.

Interessant wird das, wenn man die Verse des Barock-Dichters Gryphius ernst nimmt, die Thalheimer seinem  verröchelnden Argan zu Beginn und am Ende der Aufführung in den Mund legt: „O Mensch! Verdirb, um hier nicht zu verderben.“ Das O-Mensch-Ausrufezeichen, das liebevoll ausgepinselte Klischeebild vom Leben als Jammertal, kann man mit einem leicht genervten Seufzer abhaken. Aufschlussreicher ist der Verweis auf Barock und Ausläufer des Mittelalters: Thalheimer hat mit seinen grimassierenden, in die exaltierte Künstlichkeit und erstarrte Posen getriebenen Schauspielern die Fratzen mittelalterlicher Totentanz-Darstellungen inszeniert – ein Grand Guignol der fröhlichen Horrorclowns.

Schaubühne Mo 13.2., Di 14.2., Mi 15.2., 20 Uhr, Eintritt 11– 48, erm. 9 €

Bewertungspunkte3

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