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„Der fliegende Holländer“ in Regie von Philipp Stölzl

DerFliegendeHollaenderPhilipp Stölzls Inszenierung von Wagners „Fliegendem Holländer“, 2009 ursprünglich herausgekommen in Basel, gilt als die vielleicht erfolgreichste Bühnenarbeit des Opern- und Filmregisseurs („Nordwand“). Ein Jahr nach dieser Aufführung ließ er den hiesigen „Rienzi“ folgen, lokalisiert auf dem Obersalzberg. Von da an gings bergab. Zumindest vorerst. Das Lob in Basel war damals dermaßen einhellig, dass sich zwischen dem Berliner Staatsopern-Intendanten Jürgen Flimm und seinem Kollegen von der Deutschen Oper, Dietmar Schwarz, ein erbitterter Wettlauf darum entspann, wer den „Holländer“ nach Berlin holen dürfe. Flimm war schneller.

Die schauerromantische Brautwerbung eines raubeinigen, aber untoten Herrn der Meere versetzt Stölzl in ein viktorianisch-hochherrschaftliches Bibliotheks- und Clubzimmer. Bücherregale bis zur Decke. Die Spinnerinnen sind ein Staubwedel-Geschwader aus Dienstmädchen. Die Amme Mary eine steifleinene Gouvernante mit Pferdepeitsche und Schönheitsfleck. Die Mär vom Fliegenden Holländer aber: nicht mehr als die erhitzte Fantasie-Ausgeburt eines blonden Bürgermädchens namens Senta.
Die sitzt im Ohrensessel und schmökert Folianten. Die ganze von ihr erträumte Holländer-Geschichte entsteigt derweil einem riesigen Sturm-Gemälde nach Art von William Turner oder Francis Danby, das über dem Sofa hängt. Ein kleiner, genialer Zusatzeinfall der Inszenierung besteht darin, dass Vater Daland seine Tochter durchaus nicht an den (nur in der Vorstellung Sentas existierenden) Holländer verheiraten will. Sondern ihr einen jovialen alten Opi mit Jägerhütchen als Bräutigam präsentiert. Der übrigens sieht amüsanterweise aus wie eine Charles-Dickens-Version von Jürgen Flimm.

Die pausenlose Aufführung ist gut genug, um sogar weniger prominente Sänger wie Emma Vetter (mit vokaler Kindertrompete als kindliche Hysterikerin Senta) und Tobias Schabel (unerzen, aber unheimlich: Daland) gut aussehen und klingen zu lassen. Stephan Rügamer (Erik) trägt die romantische Schmier-Frisur von Lord Byron. Peter Sonn als Steuermann singt mit so viel schöner Emphase, als konkurriere er seinerseits um die Braut.
Der treffliche Michael Volle schließlich gibt einen Holländer mit schieferfarben blankem Timbre und erstaunlicher Schallkraft. Ein überfälliges Berlin-Debüt für den vorbildlich textverständlichen Sänger. Nur Daniel Harding, seit seinem Weggang von der Kammerphilharmonie Bremen etwas heimat- und profillos geworden, dirigiert die Staatskapelle zu stürmisch, forciert vorwärts preschend und gischtig. Er tut etwas zu viel Butter bei die Atlantik-Fische. Gleich der erste Ton: ein Schrei! Die Musik klingt rundum entzündet unter Harding, so als hätte sie die Masern.

Philipp Stölzl hingegen gelingt es mit diesem opulent-malerischen „Ausstattungstheater in Gänsefüßchen“, viel olle Romantik zu transportieren. Im Grunde ist Harry Potter nur eineinhalb Hausnummern weit von diesem hebephrenischen Wunschpunsch entfernt. Man muss es Stölzl lassen, seine stets eingängigen Grundideen so konsequent und erzählerisch in Bilder umzusetzen, dass er zumindest eines nie wird: abstrakt. Der narrative Schwung und ein Bühnenbild, das zweieinhalb Stunden lang nicht langweilig wird, können sich sehen lassen. Eine der besten Opern­aufführungen der letzten Jahre in Berlin.     

Text: Kai Luehrs-Kaiser
Foto: Matthias Baus
tip-Bewertung: Herausragend

Der fliegende Holländer: Termine
Staatsoper im Schiller Theater,
u.a. am Do 16.5., So 19.5., Mi 22.5., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 35 45 55

 

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