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„Der Geizige“ mit Martin Wuttke an der Volksbühne

DerGeizige„Zum Totlachen“ steht, halb Versprechen, halb Warnung, auf dem Vorhang der kleinen Bretterbühne, die Bert Neumann ins Volksbühnen-Portal gebaut hat. Wenn sich die Volksbühne in einer Trilogie den Komödien Moliиres widmet, kann einem das Lachen leicht im Hals stecken bleiben. Sinn der Übung ist offenbar die lustvolle Vernichtung der in ihren psychischen Defekten zappelnden Figuren. Wuttke inszeniert „Der eingebildete Kranke“, Castorf inszenziert „Der Geizige“, kommende Spielzeit folgt Renй Polleschs „Don Juan“, alle drei Titelfiguren spielt Martin Wuttke.
Der geizige Harpagon ist ein angstzerfressener Lebensverweigerer. Wie Wuttke ihn spielt, gleicht einer höhnischen Hinrichtung. Nicht Einfühlung, sondern Groteske, also ein Ineinander von Komik und Schrecken, Grimasse und Überzeichnung sind Wuttkes Stilmittel. Sein Harpagon ist ein bellendes, übellauniges Männchen, das in immer neu aufflackernden Hass-Schüben samt einer schön eklig ausgespielten Altmänner-Geilheit seine Mitmenschen terrorisiert. Damit keine voreilige Sympathie für Harpagons Kinder Йlise (hinreißend: Lilith Stangenberg) und Clйante (Franz Beil) aufkommt, beide natürlich romantisch verliebt und angesichts des Alten ohne Chance auf eine Liebesheirat, sind sie von Anfang an nichts als sehr manierierte, sehr aufgekratzte Theatergeschöpfe. Ihre Gefühle sind mindestens so falsch wie die turmhohen Lockenperücken, die Clйante ebenso schmücken wie Йlises Liebhaber Valиre (Maximilian Brauer). Dazu tragen die Herren Strumpfhose, High Heels und knappes Höschen, als hätten sich die Gäste eines Tuntenkarnevals im Theaterfundus, Abteilung Trash-Barock, bedient.

Frank Castorf, noch nie ein Freund der subtilen Andeutung, nimmt die naheliegende Diagnose des Analcharakters Harpagons wörtlich: Wenn Harpagons Sohn es dem Alten zeigen will, entblößt er sich und reibt den nackten Hintern auf Harpagons Lieblings-Ohrensessel. Weil es ja in der Familie bleibt, tut es ihm seine Schwester Йlise sogleich nach. Der einzige nicht völlig geisteskranke Mensch in dieser schrecklich netten Familie ist Harpagons getreuer Diener La Flиche, den die große Sophie Rois als gut geerdete Komikerin spielt. Zwischendurch machen sich Wuttke und Rois einen Spaß daraus, ihre eigenen Fernsehauftritte im „Tatort“ und anderen Krimis zu pa­rodieren. Wuttke: „Ich mache die ganze Welt zu einem Tatort.“

Castorfs Sadismus gilt nicht nur Moliиres Figuren, auch das Publikum kommt in seinen Genuss, wenn in der gut vierstündigen Aufführung Szenen gerne endlos zerdehnt werden, bis ihr Anblick nicht mehr komisch, sondern nur noch quälend ist und genau das auch sein soll. Dieses Bürger-Elend kippt zum verdienten Ende in ein einziges kaputtes Delirium, das als klaustrophobisches Live-Kino von der Hinterbühne übertragen wird. Wuttke stellt Davids berühmtes Gemälde des sterbenden Revolutionärs Marat in der Badewanne nach, ausgiebig wird aus den mechanischen Sexualversuchsanordnungen des Marat-Zeitgenossen de Sade zitiert. Mit leichten Schwindelgefühlen wankt man kurz vor Mitternacht aus dem Theater.    

Text: Peter Laudenbach
Foto: Thomas Aurin
tip-Bewertung: Sehenswert

Der Geizige (Termine)
in der Volksbühne,
Karten-Tel. 24 06 57 77

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