Theater

„Der helle Wahnsinn“ im Wintergarten

Der helle Wahnsinn

Diese Revue ist anders als viele Shows im Wintergarten. Choreografie und Artistik unterhalten zwar prima, aber sie erzählen eine tragikomische Geschichte. Herbert von Heymann (Jack Woodhead) kam in der NS-Zeit als Schwuler ins KZ. Nach 1945 sperrte ihn die deutsche Justiz „wegen Unzucht mit einem Mann“ ins Irrenhaus – der betreffende Paragraf war der gleiche wie unter Hitler. Harter Stoff für eine Wintergarten-Show. Dass der Abend so gut funktioniert, liegt unter anderem an der umwerfenden Band. Sie mischt amerikanischen Twelvetone Bar-Blues, Gypsy-Jazz und spanische Zirkusmusik im Stil der Zwanziger und Dreißiger – musikalische Flashbacks des Irrenhaus-Zwangsinsassen. Schon nach der Ouvertüre und dem 7-Uhr-Weckruf fühlt man sich wie auf dem Zauberberg.
Heymann trifft in der Psychiatrie auf begabte Freaks und sehnt sich als Glamour-Tunte nach der Revue. An schrillen Gestalten fehlt es nicht: Da ist die Frau, die nur auf Linien läuft, weil sie Angst hat, sonst in den Boden zu stürzen, der Kerl mit Tourette-Syndrom oder Punka (David Pereira), der introvertierte Zirkusjunge. Seine Familie kleidete ihn als Mädchen. Nur weil die Soldaten den Zigeunerjungen lustig fanden, brachten sie ihn im Krieg nicht um.
„Der helle Wahnsinn“ balanciert gekonnt zwischen zeitkritischem Stoff, queerem Glitzer und den amüsant schizophrenen Beziehungen der vermeintlich Verrückten.
„Auch Trash und Burlesque muss gut gemacht sein“, sagt Regisseur Markus Pabst. Das Publikum wolle keinen Fake. Die Idee kam ihm vor anderthalb Jahren. Jack Woodhead schrieb die Musik. Und man hat sich Unterstützung von der Komischen Oper geholt: Sarah Bowden spielt dort sonst im „Ball im Savoy“. Bühne und Kostüme sind mit Materialien gestaltet, die man in der Nervenklinik finden könnte: Matratzen, Badewanne, Zwangsjacken und ein zerstörtes Piano. „Diese skurrilen Leute stehen uns viel näher, als wir erst mal denken“, sagt Woodhead. „Fast wie Big Brother in einer Künstler-WG„, fügt Pereira hinzu. Für ihn ist die Arbeit an der Revue auch Therapie, sagt er, gegen Stress, gebrochene Herzen und schlechte Tage. Der helle Wahnsinn!

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Robert Pater

Der helle Wahnsinn, Wintergarten, Potsdamer Straße 96, Tiergarten, ?Mi–Sa 20.00, bis So 5.10., Karten-Tel. 58 84 33

Die Künstler
David Pereira (24) tanzt seit dem Alter von 2 Jahren. Mit 12 wollte er eigentlich HipHop machen, kam aber ins klassische Ballett. In der Akrobatik-Show „David Pereiras Trip“ ist er der Star des Wintergartens.?
Jack Woodhead (25) lernte von 8 bis 18 am Konservatorium klassisches Klavier und Musiktheater, studierte Komposition und Performance am Dartington College of Arts. Seit 2010 lebt und arbeitet er in Berlin, wo er das Burlesque-Cabaret Fish & Whips erfand.

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