Theater

Der „Kirschgarten“ am Deutschen Theater

Der_kirschgarten_c_Arno_DeclairStephan Kimmig hat am Deutschen Theater klug, sensibel und mit trockenem Witz das etwas verlorene, gleichzeitig überreizte und müde Lebensgefühl einer Übergangszeit ausgeleuchtet, das Gefühl, dass die alten Gewissheiten brüchig geworden und neue Orientierungen kaum zu erkennen sind. Dabei ist ihm in seiner Inszenierung eine wunderbare, in keiner Sekunde willkürlich wirkende Überblendung der Gegenwart mit dem vorrevolutionären Russland gelungen, in dem das aufgeführte Stück spielt und entstanden ist. Diese Inszenierung war „Kinder der Sonne“, sie hatte vor zwei Jahren Premiere, sie ist wesentlich nuancierter als das etwas grob gebaute Stück von Gorki und eine der Inszenierungen, für die man das Theater trotz all der öden Abende dann doch wieder liebt.

Jetzt hat Kimmig wieder ein Stück dieser russischen End- und Übergangszeit inszeniert: Anton Tschechows „Der Kirschgarten“, und wieder gelingt ihm eine fast beiläufige Überblendung der Gegenwart. Aber seltsam, diesmal scheint die Inszenierung an der Oberfläche der Figuren abzuprallen. All die bitteren, komischen Sätze, die verpassten Liebes- und die verunglückten Lebensgeschichten werden brav durcherzählt, ohne dass das beim Zusehen mehr als höfliches Interesse an Tschechows Figuren wecken könnte – und das, obwohl so tolle Schauspielkünstler wie Nina Hoss, Meike Droste oder Felix Goeser auf der Bühne stehen.
DerKirschgartenRanjewskaja, die Gutsbesitzerin, die ihr Geld durchgebracht hat, ist bei Nina Hoss eine etwas entrückte Mondäne, die eher durch die Welt zu schweben scheint, als sich ihren Zumutungen zu stellen. Und weil Nina Hoss Nina Hoss ist, ist das natürlich eine große Freude – zum Beispiel wenn sie mit ihrem verfetteten, stumpf vor sich hin glotzenden, möglicherweise leicht debilen Bruder Gajew (Christoph Franken) einfach nur an der Rampe sitzt und sich zurückträumt ins verlorene Glück der Kindheit. Aber dann ist dieser schöne, konzen­trierte Augenblick, der Moment der wahren Empfindung auch schon wieder vorbei – und das Abspulen des Plots geht weiter. Die Figuren, die kurz etwas von ihren Gefühlen sehen ließen, scheinen wieder im Gewusel der Erzählstränge zu verschwinden, schade.

Einmal, als das Gut endlich verkauft und damit die Geborgenheit des alten Lebens perdu ist, geht der Kaufmann Lopachin, der das Gut ersteigert hat, um dort gewinnbringend Ferienhäuser zu bauen, ab und sagt, mehr zu sich als zu uns, was er sich heimlich wünscht: „Wenn doch alles vorbei wäre, dieses falsche Leben, dieses falsche Leben.“ Nur: So, wie er das sagt, klingt es, als würde ihn das alles schon längst nicht mehr interessieren. Felix Goeser, als robust-pragmatischer Lopachin die Kon­trastfigur zu den verträumten Gutsbesitzern, ein Held der kapitalistischen Moderne, gibt seiner Figur Kraft und eine vitale, rohe Energie – aber dass er als Kind in die Ranjewskaja verliebt gewesen sein soll, dass er sich nach der alten Welt, die er zerstört, sehnt, wird zwar dauernd angedeutet, hinterlässt in der virilen Zeichnung der Figur aber keine Spuren, geschweige denn die Ahnung von inneren Brüchen und etwas komplizierteren Gefühlslagen.

Als hätte Kimmig gespürt, dass seine Figuren etwas konturlos geraten sind, baut er noch ein paar Kalendersprüche zur Kritik am Homo oeconomicus ein, nun ja. Das Erstaunlichste an dieser für einen Regisseur von Kimmigs Kaliber erstaunlich flachen Inszenierung ist, dass sie über Strecken bemerkenswert langweilig ausfällt – und das ist bei Tschechow eine echte Leistung.  

Text: Peter Laudenbach
Foto: Arno Declair
tip-Bewertung: Zwiespältig

Der Kirschgarten
Deutsches Theater,

INTERVIEW MIT NINA HOSS UND STEPHAN KIMMIG

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