Theater

„Der kleine Bruder“ am Maxim Gorki Theater

Der_Kleine_Bruder_c_Thomas_AurinSven Regeners Roman „Der kleine Bruder“ handelt von Frank Lehmann, der aus Bremen ins Kreuzberg der 80er-Jahre kommt und auf einen Haufen um sich selbst kreisender Künstler trifft. Weshalb wollen Sie das auf die Bühne bringen?  
Als ich das Buch das erste Mal gelesen habe, dachte ich, das muss man unbedingt mal inszenieren. Die Dialoge sind klasse, sehr pointiert. Natürlich muss man aufpassen, dass man da nicht nur Klamauk auf die Bühne bringt. Aber mich interessierte der Gedanke: Was ist denn mit diesen Künstlern, wenn sie älter werden? Wenn die Zeit, in der man so improvisiert, vorbei ist. Weil man doch einen richtigen Beruf ergreifen muss. Oder eine Familie gründet. Es steckt was Hoffnungsloses in diesen Geschichten. Da musste viel Traurigkeit und Melancholie rein?– die Komik ist eh da. Deshalb sind die Schauspieler auch alle älter als die Figuren im Buch. So um die 40. Außerdem steckt mit der Suche nach dem verschwundenen Bruder, nach dem Leitbild, an dem man sich orientieren kann, ein Krimi drin.

Die Suche endet desillusionierend. Der abwesende Bruder ist Versuchskaninchen in einer medizinischen Studie.
Das ist sehr traurig, ja. Der Roman zeigt die ganze Tristesse des Künstlerdaseins. Da macht einer Schrottkunst und träumt von einer Karriere in New York – und was am Ende bleibt, ist ein Ku’dammhotel, in dem du Medikamente nimmst als Proband. Die, die es schaffen, mit der Kunst Geld zu verdienen, sind eben nur die Spitze vom Eisberg. Bei Schauspielern ist das ja auch so.

Sie sind derzeit in Regionen, in denen man ganz gut von der Kunst leben kann, oder?
Ja, im Moment läuft es sehr gut. Dafür bin ich dankbar und genieße es auch. Man muss daran arbeiten, dass es so bleibt.

Bringen Sie Kreuzberg-Nostalgie auf die Bühne?
Wichtig war mir eher, dass es nicht nur ein Kreuzberg-Roman ist. Die Figuren sind universell. Ihre Erlebnisse, die Atmosphäre, die in diesen Künstlerkreisen herrscht, das kennt man auch aus anderen Städten oder der eigenen Jugend. Ich bin in den 80ern in Ost-Berlin groß geworden. Das fühlte sich ganz ähnlich an, wie ich das bei Sven Regener  lese. Nur dass sich das im Osten weniger in Kneipen oder Galerien abspielte, sondern eher in irgendwelchen Wohnungen. Da wurden dann Super-8-Filme gezeigt und lauter schräge Typen liefen rum. Ich habe selbst in einer Punk-Band gespielt, wir hießen „Die Angeber“, und habe angefangen Bilder zu malen.

Milan_Peschel_c_Thomas_AurinSie haben damals auch an der Volksbühne angefangen.
In der Technik, ja. Da saß man dann ein bisschen gelangweilt rum und hat Gitarre gespielt, in der Gruft, so nannten wir unseren Technikraum. Durch diese Szene bin ich auch viel auf Konzerte gekommen. Ich war sogar bei dem legendären Ostberliner Element-of-Crime-Konzert. Die sind Ende der 80er mal in der Zionskirche aufgetreten.

Wann waren Sie das erste Mal in West-Berlin?
Einen Tag, nachdem die Mauer gefallen war.
In Kreuzberg?
Nee – da war ich erst mal am „Scheißku’damm“, wie das bei Sven Regener heißt, bei Beate Uhse mit meiner Freundin. Man musste doch die Klischees abarbeiten: zu Beate Uhse und dann Pizza essen. Wann ich das erste Mal in Kreuzberg war, weiß ich gar nicht.

Konnten Sie sich in Ihren Jahren als Volksbühnen-Schauspieler für Ihre eigenen Regiearbeiten von Frank Castorf etwas abschauen?
Klar, ich bin ja durch seine Schule gegangen. Ich mach das ähnlich wie er. Ich streiche an, was mich interessiert, und probiere es dann auf der Bühne aus, um die richtige Situation dafür zu finden. Was funktioniert, wird genommen. Ansonsten lasse ich es wieder. Bei langen Dostojewski-Romanen würde ich mir das nicht zutrauen, aber beim „Kleinen Bruder“ passt das.

Castorf ist seit 20 Jahren Volksbühnen-Intendant. Und hat gerade wieder seinen Vertrag verlängert.
Ja, irre, oder? Aber ich finde das gut. Frank Castorf ist da noch krasser als Helmut Kohl. Der Helmut Kohl des deutschen Theaters. Aber schreiben Sie das ja nicht. Obwohl, vielleicht würde es ihm ja gefallen.

Interview: Björn Trautwein
Fotos: Thomas Aurin

Der kleine Bruder
im Maxim Gorki Theater,
z.B. am So 1.4., Do 5.4., Di 17.4.,  Mo 30.4., 19.30 Uhr,
Karten-Tel. 20 22 11 15

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