• Kultur
  • „Der klügste Mensch im Facebook“ im ­Ballhaus Naunynstraße

Kultur

„Der klügste Mensch im Facebook“ im ­Ballhaus Naunynstraße

„Ich werde alles schreiben, was ich gerade denke, über die Leere, die aus mir einen Pseudo-Dichter gemacht hat“. Mit diesem Post, der immerhin 34 Likes bekam, begann im Dezember 2011 die Facebook-Karriere von Abou Saeed. Der Endzwanziger aus dem nordsyrischen Manbidsch, jüngstes von sieben Geschwistern und gelernter Schmied, hatte schlicht beschlossen, die Statusmeldungsfrage der Zuckerberg-Plattform wahrheitsgemäß zu beantworten: „What’s on your mind?“ Und  zwar von nun an täglich. Inmitten der Bürgerkriegswirren postete Saeed über Gott und die Welt. Über Mädchen, Drogen, Pornos und Demos. Über Gläubige („Immer wenn ich den Gebetsruf höre, mache ich die Musik lauter“) und Intellektuelle („Die Plastikschlappen meiner Mutter sind schöner als jede Idee“). Was ihm aufgrund fehlender Selbstzensur neben Freundschaftsanfragen auch Todesdrohungen einbrachte, vor allem aber das Interesse westlicher Verlage weckte.
Unter dem Titel „Der klügste Mensch im Facebook“ (so die stolze Zuschreibung von Saeeds Mutter) sind die gesammelten Statusmeldungen 2013 als E-Book auch auf Deutsch erschienen, im Mikrotext-Verlag. „Ich fand gleich, dass sie eine sehr theatrale Form haben“, sagt der Regisseur und Schauspieler Karim Chйrif. „Facebook ist ja auch eine Art Bühne, auf der man sich präsentiert“. Was die Brücke zwischen dem syrischen Schmied mit seinen ganz normalen Jungmänner und der westlichen Restwelt schlägt. Wobei die Selbstdarstellung im Falle Saeeds freilich eine andere Dringlichkeit besitzt als beim Gros der routinierten Status-Melder. Im Krieg werde auch das Verhandeln von vermeintlichen Alltäglichkeiten „zur Überlebensstrategie, um nicht verrückt zu werden“, so Chйrif: „Ein Schreiben, als gäb’s kein Morgen“.
Durch Saeeds bissige Miniaturen entsteht zum einen das ganz persönliche Bild einer syrischen Gesellschaft, die man hierzulande nur als medial portionierte Trümmerlandschaft kennt. Zum anderen eine Chronik von Ereignissen der Jahre 2011 bis 2013, deren Folgen wir gerade erst verschreckt zu realisieren beginnen.
Mit seiner Inszenierung des „Klügsten Menschen“ am Ballhaus Naunynstraße, wo der Regisseur neben Bärbel Schwarz die Posts auch selbst performt, will Chйrif „unkommentiert und unverfälscht“ in Abouds Welt eintauchen. Und die sei „drastisch, brutal, lustig, spannend, banal, nicht immer political correct, auch poetisch“. Weswegen der anarcho-lyrische Schmied von einem deutschen Journalisten bereits als „syrischer Bukowski“ geadelt wurde. Saeed, der seit einer Lesung aus seinem literarischen Überraschungserfolg am Ballhaus Naunynstraße in Berlin lebt, ist dabei als „Special Guest“ angekündigt.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Nuzia

Ballhaus Naunynstraße Mi 25. bis Sa 28.11., 20 Uhr Karten-Tel.: 754 537 25

Mehr über Cookies erfahren