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Der Komponist Steve Reich und die Videokünstlerin Beryl Korot im Gespräch

Steve_Reich_The-CaveRepetitive Rhythmen, tonaler Sog bei unvermindert politischen Inhalten: Mit den Video-Opern „Three Tales“ und „The Cave“ präsentiert das Ensemble Modern im März die zwei großen Haupt- und Bühnenwerke des amerikanischen Minimalisten Steve Reich. Hinzu kommt ein Steve-Reich-Projekt mit Jugendlichen aus Berliner Schulen („Open Your Ears“).

Die Videooper  „Three Tales“, geschrieben 2002, für Stimmen, Streichquartett, Percussion, Tonband und Video, befasst sich mit dem Absturz der „Hindenburg“ 1937, mit den amerikanischen Nukleartests der 50er-Jahre und den ersten Klon-Experimenten in den 90ern. „The Cave“ (1994) kreist in Interviews mit Israelis, Palästinensern und US-Amerikanern um die Gestalt Abrahams, dem gemeinsamen Stammvater der jüdischen, christlichen und islamischen Religion. Es handelt sich um ­ Steve Reichs umfangreichste Arbeiten – und um die einzigen, die er gemeinsam mit der Video-Künstlerin Beryl Korot realisierte. Mit ihr ist er seit 1976 verheiratet.

Herr Reich, gelegentlich hört man den Satz: „Ich hasse Minimal Music, aber Steve Reich ist trotzdem ein großartiger Komponist!“
Steve Reich
Das ist ein Zitat von Bob ­ Horowitz. Super, oder?! Ich schätze mal, Ihnen ist es auch lieber, wenn man Sie zu einem Artikel im tip auf der Straße beglückwünscht, anstatt dass man die Straßenseite wechselt. Oder? Ich bin ein Mensch, der gefallen möchte.

Etliche Leute in Europa haben Minimal Music als Hintergrundmusik zum Genuss von Drogen, zum Beispiel von Marihuana kennengelernt. Wie stehen Sie dazu?
Reich Na ja, ich hoffe, die Leute hatten eine gute Zeit! Ich glaube, dass gute Musik zum Beispiel von Bach sogar im Coffeeshop funktionieren kann. Musik allerdings, die man auf diese Funktion reduziert, wird irgendwie verkrüppelt. Das finde ich schade. Und auch armselig. Insofern würde ich mich auf meine Verwendbarkeit als Hintergrundmusik nicht gerne allein verlassen wollen.

Haben Sie beim Komponieren gelegentlich selber Drogen konsumiert?
Reich Zu Privatfragen wollte ich mich eigentlich gar nicht äußern.
Das fasse ich mal als ein Ja auf …
Reich Ich sage nichts.

Komponisten wie zum Beispiel Richard Wagner haben auf Sucht-Effekte beim Genuss ihrer Musik sogar enormen Wert gelegt. Was halten Sie davon?
Reich Ich kenne Wagner zu wenig. Das Nibelungen-Motiv wird in einem meiner Werke parodiert. Aber damit hat sich’s. Ich denke über Wagner zweierlei. Erstens: Er war ein Genie. Zweitens: Er war ein Nazi. Wagner glaubte, dass die Juden einen üblen Geruch verströmen. Und Hitler hat der Schwiegertochter Wagners in Bayreuth die Hand geküsst.

Allerdings hat Wagner nicht einmal gewusst, was ein Nazi ist.
Reich Klar. Sagen wir so: Ich halte Wagner für einen Proto-Nazi. Das Leben ist kompliziert. Und große Künstler können zugleich ziemlich eklige Leute sein.

Steve_Reich_und_Beryl_KorotMit „Three Tales“ bringen Sie beide ein Werk nach Berlin, das 2002 kurz nach der Uraufführung hier bereits aufgeführt wurde. Ein Hauptwerk?
Reich Gewiss, aber wir machen es ja nicht persönlich. Das ist gerade das Schöne! Mein eigenes Ensemble ist seit 2006 nicht mehr aktiv. Ich bin zu alt dafür. Ich finde es viel einfacher, nicht mehr 19 Flugtickets von London nach Berlin buchen zu müssen. Immer werden die Eltern von irgendjemandem krank, man muss umbuchen und die Sache nimmt kein Ende. Nein, wenn andere die Arbeit tun und die Aufführungszahlen trotzdem gut sind, hat man die beneidenswerteste Situation, in die man als Komponist geraten kann.

Seit wann fühlen Sie sich zu alt?
Reich Seit ungefähr sieben Jahren. Ich habe die Energie nicht mehr. Wenn Künstler dann nicht die Konsequenzen ziehen und kürzer treten, finde ich das armselig. Fürchterlich. Ich habe mich entschieden und dabei bleibt es.

„Three Tales“ kam ursprünglich in Wien heraus und war die zweite Zusammenarbeit mit Ihrer Frau Beryl Korot. Warum haben Sie nicht öfters zusammengearbeitet?
Beryl Korot Es hat gereicht! (Lacht.) Wir wollten zurück zu unserem eigenen Werk. Wir hatten getan, was es zu tun gab.
Reich Künstlerisch zusammenzuarbeiten ist für Ehepaare eine anstrengende Sache. Weil es eine wechselseitige Einmischung bedeutet. Man muss es gut dosieren. Das haben wir gemacht.

Sie sind seit 36 Jahren verheiratet. Macht die künstlerische Zusammenarbeit eine Ehe also nicht leichter?
Korot Genau deshalb machen wir es ja nicht mehr! Wir wollten unser Privatleben zurück.
Reich Andererseits haben wir in dieser Arbeit etwas miteinander geteilt, was viele niemals in ihrer Beziehung teilen können. Eine tolle Sache. Heute machen wir Witze darüber. Reden wir besser wieder über das Stück!

„Three Tales“ beschäftigt sich mit den moralischen Auswirkungen von Technologie am Beispiel der „Hindenburg“, des Bikini-Atolls und des Klonschafs Dolly. Die Produktion war so aufwendig, dass man zehn Festivals als Koproduzenten brauchte. Sind Sie so teuer?
Reich Alles in unserer Branche ist furchtbar teuer. Das liegt nicht an uns. Ich glaube, „Three Tales“ war sogar eine eher billige Produktion. Und sie besaß immerhin einen politischen, kritischen Hintersinn. Aus der Zwickmühle teurer Produktionsbedingungen kommt man als Komponist nie heraus. Ich würde es wohl ablehnen, mir daraus einen Vorwurf machen zu lassen. Gerade schreibe ich ein Werk für vier Musiker – und habe dafür sechs Auftraggeber gleichzeitig.

Frau Korot, für „The Cave“, das jetzt in Berlin beim Festival MaerzMusik aufgeführt werden wird, haben Sie das Libretto zusammengestellt und auch die Videoinstallationen besorgt. Dominieren Sie dadurch die Arbeit des Komponisten?
Korot Das scheint nur so. Der Text wurde aus Interview-Antworten auf fünf Fragen zusammengesetzt, die sich mit Abraham befassen. Das Ganze hat dokumentarischen Charakter, für den ich durch das Material gehen und eine Auswahl treffen musste. ­ Steve war aber ständig beteiligt, indem er jene Antworten vorausgewählt hat, zu denen passte, was er komponiert. Es war ein ständiges Geben und Nehmen, an dem wir gleichmäßig beteiligt waren. Genau das macht vermutlich einen wesentlichen Unterschied zu den Entstehungsbedingungen aus, unter denen Opern sonst zustande kommen.

Die Werke sind jetzt zwischen zehn und zwanzig Jahre alt. Hatten Sie nie den Wunsch, sie zu überarbeiten?
Reich Bloß nicht! Das würde ich niemals tun. Ich will, was ich komponiert habe, nie wieder sehen außer auf einer Bühne. Außerdem besteht ein großer Teil der Arbeit in nichts anderem als Wegschmeißen. Anfangs war „The Cave“ viel länger. Je mehr wir arbeiteten, desto kürzer wurde es. Anders gesagt: „The Cave“ ist fertig. Ich will nichts mehr damit zu tun haben.
Korot Dabei wäre es wegen der fortgeschrittenen Technik sogar verlockend gewesen, etwas zu aktualisieren. Wer Dolly war, weiß heute schon kaum noch jemand. Auch die Videotechnik hat sich entwickelt.
Reich Das finde ich ja gerade das Reizvolle, dass diese Sachen ein Abdruck ihrer Zeit bleiben. Und mit der Zeit altern. Die Ära des Bikini-Atolls war die Zeit des Schwarz-Weiß-Films. Dolly stammt bereits aus dem Digital-Zeitalter. Dieser Alterungsprozess macht die Werke erst zeitgenössisch, finde ich.

Warum überarbeiten andere Komponisten dann ständig ihre Werke?
Reich Vielleicht weil sie nicht so schnell das Interesse an sich selbst verlieren. Wenn ­ Pierre Boulez es anders sieht: Viel Glück! Auf der anderen Seite werden Sie, wenn Sie meine Werke ansehen, feststellen, dass ich niemals zwei Stücke für dieselbe Besetzung komponiert habe. Einige Grundideen mögen bestehen bleiben. Um etwas Neues aus mir herauszubringen, muss ich loslassen können. Das dauert. Als im September 2001 in New York das World Trade Center einstürzte, wohnten wir um die Ecke. Später wurde ich gefragt, ob ich zum Thema nicht etwas komponieren könne? Ich sagte: „Was glauben Sie, was ich die ganze Zeit versuche.“ Es hat sieben Jahre gedauert.

Warum hat es überhaupt so lange gedauert, bis Sie Ihre erste Oper geschrieben haben?
Reich Bis in die 80er-Jahre hinein habe ich mich wenig darum gekümmert. Das war eher Sache von Phil Glass und dann von John Adams. Im Grunde ist es so: Ich mag keine Opern! Die einzigen Opern, die ich ertragen kann, sind Strawinskis „The Rake’s Progress“ und Kurt Weills „Dreigroschenoper“. Damit hat sich’s. Also knallte ich, als ich einmal gefragt wurde, den Hörer hin und begann erst später zu überlegen: „Mensch, was für eine Gelegenheit …“ Damals arbeitete ich gerade an „Different Trains“…
… einem Werk, das ohnehin Text enthält …
Reich Und ich dachte: „Was, wenn man es sehen könnte?!“ Nicht nur die vorher aufgezeichneten Stimmen! Das wäre fantastisch. Ich sprach mit Beryl darüber, die damals anderes zu tun hatte. Also dauerte es. Meine Schwierigkeiten mit der Oper blieben. Belcanto-Gesang ist etwas, das ich nicht ertragen kann. Es tut meinen Ohren weh. Es ist für mich, als wenn jemand mit Kreide auf einer Tafel quietscht. Dann will ich weg!

Haben Sie also ein Problem mit dem Vibrato-Gesang des 19. Jahrhunderts?
Reich Ja, genau. Ich liebe Stimmen und Sänger. Aber nur so, wie sie in der Renaissance oder in der Barock-Musik gebraucht werden. Oder in der zeitgenössischen Musik. Der Romantik in der Musik kann ich nichts abgewinnen. Nach Beethoven geht lange Zeit gar nichts mehr bei mir.
Korot Ich bin da etwas offener. Auch kein Opern-Fan, auch ich gehe nicht freiwillig und aus eigenem Antrieb. Video in die Oper zu bringen, hat mich dagegen sehr interessiert.

Herr Reich, in Deutschland werden Sie als ein typisch amerikanischer Komponist angesehen. In den USA auch?
Reich Ja und nein. Aaron Copland war ein typisch amerikanischer Komponist. John Adams ist es auch. Beide zitieren amerikanische Musik oder beziehen sich auf amerikanische Verhältnisse. Ich nicht. Trotzdem denken alle, dass ich typisch amerikanisch bin. Das stimmt in dem Sinne, in dem derlei immer stimmt. Bach war ein guter Deutscher. Kurt Weill auch. Igor Strawinski, so sehr er sich auch davonschleichen wollte, blieb immer ein guter Russe. Man hat keine Wahl. Wir sind Teil des Kontextes, aus dem wir kommen. Und ich glaube, wir müssen es sogar sein, wenn wir gute Künstler sein wollen. Es ist das Material, dem wir ausgeliefert sind und mit dem wir arbeiten.

Die Minimal Music, die aus den 60er-Jahren stammt, ist sich bis heute erstaunlich treu geblieben. Ist sie gut gealtert?
Reich Darüber nachzudenken, ist nicht mein Job. Ich glaube, es wäre destruktiv, das kann ich mir nicht leisten. Derartige Labels sind eine gute Sache für Musikwissenschaftler und Journalisten. Ich schere mich nicht darum. Stellen Sie sich vor, wir würden gemeinsam einen Trip nach Paris unternehmen. Wir würden zum Grab von Claude ­ Debussy pilgern und eine Schaufel mitnehmen. Dann würden wir graben, bis wir den Komponisten am Kragen packen und ihn fragen könnten: „Sind Sie ein Impressionist?“ Was sollte Debussy darauf antworten?! Er würde sagen: „Merde!“ Und sich auf die andere Seite umdrehen. Mehr nicht.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Kollegen Philip Glass, John Adams, Michael Nyman oder La Monte Young?
Reich Zu Glass und Adams von Zeit zu Zeit. Nicht mehr wie früher. Wir haben auch so genug zu tun.

Herr Reich, stimmt es, dass Sie Wert darauf legen, dass Ihr Nachname nicht deutsch, sondern amerikanisch ausgesprochen wird?
Reich Nein, das ist mir ehrlich gesagt ganz gleichgültig. Mein Vater sprach seinen Namen wie „Reisch“ aus. Ich habe gelernt, dass es „Reich“ (mit ch) heißen sollte. Und mein Sohn nennt sich „Reik“ – auf Amerikanisch. Mit meiner Hinwendung zum Judentum, die relativ spät erfolgt ist, hat das alles nicht viel zu tun. Ich bin einverstanden damit, dass mein Name deutsch ausgesprochen wird.
 Werden Sie zu den Aufführungen nach Berlin kommen?
 Reich Das würden wir liebend gern. Leider beißt es mit anderen Terminen, sodass wir dieses Mal nicht kommen können. Nächstes Mal wieder. Wir halten Berlin für eines der wichtigsten kulturellen Zentren der Welt. 

Text: Interview: Kai Luehrs-Kaiser
Fotos: Philippe Stirnweiss, Wonge Bergmann

OPEN YOUR EARS
Konzerthaus, Kleiner Saal, Do 28.2., 19 Uhr, Karten-Tel. 203 09 21 01

THREE TALES
Konzerthaus, Großer Saal, Sa 2.3., 20 Uhr, ­ Karten-Tel. 203 09 21 01

THE CAVE
Haus der Festspiele (MaerzMusik), Fr 22.03., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 25 48 91 00

 

 

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