Theater

„Der Löwe im Winter“ am Deutschen Theater

Als wollte er beweisen, dass er von allen breitbeinigen Kraftpaketen des Regietheaters das breitbeinigste ist, lässt Sebastian Hartmann seine Inszenierung „Der Löwe im Winter“ im Dunkeln mit einem sehr ausgiebigen Kopulationsakt beginnen. Wir lauschen dem Stöhnen von Englands König Henry (Michael Schweighöfer) und seiner Geliebten (Natalia Belitski) im Bühnendarkroom. Dezenter wird es auch nicht, als das Gegenlicht die Zuschauer blendet. Ein mächtiges Stahlpodest hebt sich im Halbrund über die Drehbühne. Aber trotz Bühnennebel und dem Wummern des von der Formation „Nackt“ beigesteuerten Industrial-Soundtracks wirkt es etwas peinlich, wenn ein braves Staatstheater so tut, als hätte es sich in einen Club der Unterwelt verwandelt.

Wir schreiben Weihnachten des Jahres 1183. Der mächtige Herrscher Henry hat seine drei Söhne (Felix Goeser, Peter Moltzen, Benjamin Lillie) und seine verstoßene, seit zehn Jahren eingekerkerte Gattin Eleanor (Almut Zilcher) zum Punsch eingeladen, um den künftigen Thronfolger zu bestimmen. Genregemäß führt das zu allerlei Intrigen. Das 1968 verfilmte Stück des US-Dramatikers James Goldman verknüpft geschickt Broadway-Konventionen mit einem dynastischen Machtkampf wie bei Shakespeare. Hartmann jagt seine Darsteller in einen Parforceritt der Äußerlichkeiten: Ein trivialisierter Shakespeare-Klon trifft auf einen Castorf-Epigonen der besonders groben Sorte.

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Schweighöfer als König Henry darf sich zum Zweck der Rollen-Charakterisierung (oder einfach so) entblößen. Eine Szene lang müssen die bedauernswerten Darsteller sinnfrei gegen die Drehbühne anrennen – sage niemand, Schauspielerei sei keine schweißtreibende Angelegenheit. Felix Goeser versteht sich als Prinz Eisenherz auf die Kunst, grimmig zu blicken. Andreas Döhler hat als intriganter Franzose seine Verhandlungen mit King Henry als hochdruckgetriebenes Selbstgespräch zu führen. Kurz: Es ist jede Menge los, aber eigentlich geht es um nichts als um das martialisch sinnfreie Auftrumpfen der Theatereffekt-Maschine. Eine schöne Ausnahme in diesem aufgekratzten Ringelpiez ist die wunderbare Almut Zilcher. Als rächende Ex-Königin und ehekampferprobte Großintrigantin Eleanor bedient sie sich sehr gekonnt, lustvoll und leicht ironisch im Gesten- und Tonfall-Arsenal des ganz alten Theaters.

Sie führt kurz das große Pathos alter Königsdramen vor und spielt im nächsten Augenblick mit einem spöttisch koketten Flirten, sie gibt die glamouröse Diva oder die kalte Intrigantin, und in jedem Moment schaut man ihr dabei recht hingerissen zu. Erst recht, wenn sie sich völlig zu Recht über die ganze Veranstaltung lustig zu machen scheint: „Sagt mal, habt ihr das geübt oder improvisiert ihr gerade?“ Gute Frage.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Arno Declair

tip-Bewertung: Uninteressant

Der Löwe im Winter„, ?Deutsches Theater, So 23.3., 19 Uhr; Do 3., Mi 9.4., 20 Uhr;?Karten-Tel. 28 44 12 25

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